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Buchhandlung Klaus Bittner

EDWARD ABBEY: Die Einsamkeit der Wüste
Aus dem Amerikanischen von Dirk Höfer Naturkunden, Matthes & Seitz, 343 S., € [D] 32,- / [A] 32,90

Der Schriftsteller Edward Paul Abbey (1927-1989) verbrachte die meiste Zeit seines Leben im Westen der USA und hat mit diesem Buch die Wildnis- und Naturschutzbewegung der USA maßgeblich mit beeinflusst. Seine große Liebe waren die Wüste und die Canyons Utahs, eine auf den ersten Blick unwirtliche und dennoch perfekt angepasste Umgebung. In den Sommern 1956 und 1957 arbeitet er dort als einziger Ranger im Arches National Monument, einem damals fast menschenleeren Gebiet. Er lebt spartanisch in einem kleinen Wohnwagen, genießt die Einsamkeit der einzigartigen Landschaft, beobachtet die Tiere, die Pflanzen, beschreibt die Gerüche und Stimmungen, die wenigen Begegnungen mit Menschen. Es ist ein leidenschaftliches, oft poetisches Buch mit Philosophie und Humor, es hat Aufrichtigkeit und Überzeugung, hat sich aber mit seinem manchmal auch wütenden, polemischen Ton sicher nicht nur Freunde gemacht, denn Abbey war entschiedener Gegner der rasanten Parkerschließung, die er dann in den 50er Jahren miterlebte. Als das Buch 1968 veröffentlicht wurde, brachte es ihm nicht nur den lange erhofften Durchbruch als Schriftsteller, sondern führte auch dazu, dass das von ihm beschriebene Gebiet endlich zum Nationalpark erklärt wurde. Er war ein Rebell, der nicht an den Erfolg der modernen Zivilisation glaubte und die Menschen, aber vor allem die Natur, davor bewahren wollte. Edward Abbey wurde immer kämpferischer. Sein späterer Roman Die Monkey Wrench Gang wurde im wahrsten Sinn des Wortes ein Bombenspaß, nicht nur für militante Naturschützer.
Barbara Klefisch

ELVIRA DONES: Hana
Aus dem Italienischen von Adrian Giacomelli. Mit einem Nachwort von Ismail Kadare Ink Press, 252 S., € [D] 19,- / [A] 19,60

Hana Doda wird Anfang der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts in den Bergen Albaniens geboren. Als sie zehn Jahre alt ist sterben ihre Eltern bei einem Busunglück. Fortan wächst sie bei ihrer Tante und ihrem Onkel auf. Als junge Erwachsene zieht Hana in die Hauptstadt Tirana, studiert Literatur, kehrt jedoch bald wieder in ihr Bergdorf zurück, um sich um ihren im Sterben liegenden Onkel zu kümmern. Nach seinem Tod kann Hana nicht zurück an die Uni, aber als alleinstehende Frau kann sie auch nicht in ihrem albanischen Heimatdorf leben. Da sie es ablehnt, die von ihrem Onkel vereinbarte Ehe einzugehen, bleibt ihr keine andere Wahl, als nach dem alten albanischen Ehrenkodex Kanun den Schwur der ewigen Jungfräulichkeit zu leisten und fortan als Mann weiter zu leben. Sie wird zu Mark Doda, einem Kette rauchenden, trinkenden und schwer arbeitenden Kerl. Ihre Cousine, die in den USA lebt, bittet Hana mehrfach zu ihr in die Staaten zu kommen, um dort ein neues Leben als Frau zu beginnen. Endlich nach vielen Jahren kommt Hana dieser Bitte nach. Doch kann sie ihre alte Identität als Mann so einfach abschütteln? Hana ist ein wunderbares Buch, welches von den ersten Seiten an berührt. Es begeistert mit seiner feinen Sprache, der außergewöhnlichen Geschichte und den liebenswürdigen Figuren.
Jasmin Odabasir

E. M. FORSTER: Die Maschine steht still
Aus dem Englischen von Gregor Runge. Mit einem Vorwort von Jaron Lanier Hoffmann & Campe, 80 S., € [D] 15,- / [A] 15,50

Der Sauerstoff an der Erdoberfläche ist aufgebraucht. Die Menschen leben in dieser Dystopie in bienenwabenartigen Kammern unter der Erde. Die Räume sind kahl und steril. Alle Bedürfnisse der Bewohner/innen können per Knopfdruck gestillt werden. Das Essen kommt aus Schächten, ebenfalls die Waschmöglichkeiten und abends kann per Knopfdruck das Bett ausgefahren werden. Die „Maschine“ kümmert sich um alles. Tatsächlich erlebt wird hier nichts mehr. Auch persönliche Begegnungen finden nur noch in Ausnahmesituationen statt. Die Zeit vertreibt man sich damit, per Fernübertragung an Seminaren, Konzerten oder Gesprächsrunden teilzunehmen. Bis eines Tages der Sohn der Protagonistin behauptet, an der Erdoberfläche gewesen zu sein… E. M. Forster wurde 1879 in England geboren und schrieb dieses Buch bereits 1909. Man kann sich nur staunend fragen, woher er diese Idee oder Eingebung nahm. Dieser kurze kluge Text ist geradezu visionär und von beängstigender Aktualität.
Jasmin Odabasi / Christoph Möser

GEORG FORSTER: Ansichten vom Niederrhein, von Brabant, Flandern, Holland, England und Frankreich im April, Mai und Juni 1790
Die Andere Bibliothek, 480 S., € [D] 79,- / [A] 81,30

Georg Forster unternahm im Frühjahr 1790, begleitet vom jungen Alexander von Humboldt, eine Reise, die ihn vom Rheingau nach Ehrenbreitstein, Köln, Düsseldorf über Aachen u. a. nach Lüttich und Brüssel, in die Niederlande nach England und schließlich nach Paris führte. Ansichten vom Niederrhein stand lange im Schatten seiner epochalen Reise um die Welt, die er als erst zwanzigjähriger Begleiter der zweiten Weltumsegelung von Captain James Cook 1775/1776 verfasst hatte. Doch dieselbe Stilsicherheit, dieselbe genaue Beobachtungsgabe kommen auch in den Ansichten von Niederrhein zum Tragen – geschärft um die Erfahrung in Forschung, Lehre, politischem Engagement und zunehmender Radikalisierung. Denn dieses Buch ist vor allem auch eine frühe Revolutionsschrift, voller Kritik an den Herrschaftsverhältnissen der Zeit und am katholischen Pfaffendespotismus. Religion ist laut Forster Gift für den Fortschritt, denn dort wo Freiheit Einzug hält, gibt es wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Fortschritt. So ist auch sein anfängliches Einverständnis mit revolutionärer Gewalt zu erklären. Erst sein persönliches Erleben der Pariser Revolution 1793 kurz vor seinem Tode ändern seine Ansichten. Er ist entsetzt über die Auswüchse. Forster starb 1794 in Paris, irgendwo dort verscharrt, ist sein Grab für immer unbekannt geblieben. Richtungsweisend war Forsters Bericht auch in ästhetischer Hinsicht: Mit der Vielzahl präziser und brillant geschriebener Beschreibungen von Architektur und vor allem Kunst, hat er der noch jungen Disziplin der Kunstgeschichte in ihren Anfängen geholfen und ihr sogleich das Vorbild eines mustergültigen Stils mitgegeben. „Mehr hat man doch nicht, als was einem durch diese zwei Oeffnungen der Pupille fällt und die Schwingungen des Gehirns erregt. Anders als so nehmen wir die Welt und ihr Wesen nicht auf.“
Klaus Bittner

MARLON JAMES: Eine kurze Geschichte von sieben Morden
Aus dem Englischen von Guntrud Argo, Robert Brack, Michael Kellner, Stephan Kleiner, Kristian Lutze Heyne Hardcore, 864 S., € [D] 27,99 / [A] 28,80

Marlon James erhielt für Eine kurze Geschichte von sieben Morden als erster jamaikanischer Autor 2015 den Man Booker Prize, der als wichtigste Auszeichnung in der englischsprachigen Literatur gilt. Jamaika 1976: Sieben bewaffnete Männer dringen in das Haus des Reggae-Musikers Bob Marley ein und eröffnen das Feuer. Es gibt mehrere Schwerverletzte, Bob Marley aber überlebt wie durch ein Wunder leichtverletzt. Dazu muss man wissen, dass Bob Marley und sein Haus eigentlich unantastbar, heilig für die Jamaikaner war. Und dennoch gab es diese Attacke. Marlon James erzählt aus verschiedenen Perspektiven die Geschehnisse rund um das Attentat und verwebt einen Chor diverser Stimmen zu einem Sittenbild Jamaikas in den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts. Gangster, CIA Agenten, Journalisten, Nutten, gewöhnliche Einwohner, die Attentäter, Politiker, Manager, Tote und Lebendige: alle kommen zu Wort und berichten uns in unterschiedlichsten Sprachformen und Intensitäten ihre Version der Geschichte, die in einem Land passierte, welches zur damaligen Zeit ein Spielball mitten im Kalten Krieg war. Die USA befürchteten ein zweites Kuba, Jamaika driftete immer mehr in Richtung Sozialismus, die Insel war vor den Wahlen in zwei Lager geteilt. Kriminelle kontrollierten das Land. Das Ganze ist ein wuchtiger, atemlos erzählter, intensiver, dreckiger, schonungsloser, furioser Thriller. Eine Demonstration der Erzählkunst.
Klaus Bittner

KATIE SCOTT / KATHY WILLIS: Das Museum der Pflanzen
Aus dem Englischen von Ute Löwenberg Prestel, 112 S., ab 8, € [D] 24,99 / [A] 25,70

Nicht nur für kleine Entdecker: Katie Scott und Kathy Willis haben ein prächtig illustriertes Botanikum erschaffen, das durch viel Liebe zum Detail besticht und die Evolution der Pflanzen Revue passieren lässt. Als erste Pflanzen entstanden vor mehreren Milliarden Jahren Algen, auf sie folgten Moose, Pilze, Flechten und Farne. Aus ihnen entwickelte sich unsere heutige schier unermessliche Pflanzenvielfalt: Bäume und Sträucher, Palmen, Wildblumen, Gräser, Orchideen, Parasiten und Fleischfresser. Die Vielfalt des pflanzlichen Lebens wird durch großartige Farbtafeln abgebildet und durch informative Texte ergänzt. So findet sich etwa das Blatt der Amazonas-Riesenseerose, das einen Durchmesser von 2,5 Metern erreichen und 45 kg - das Gewicht eines Kindes - tragen kann. Ein naturwissenschaftliches Fest für die Sinne, welches uns einmal mehr vor Augen führt, dass ein Leben ohne Pflanzen für uns unmöglich ist, da sie uns nicht nur mit Sauerstoff, sondern auch mit Nahrung, Medizin, Textilien und Baumaterial versorgen.
Kristina Geilhaupt

CLAUS LEGGEWIE: Anti-Europäer – Breivik, Dugin, Al-Suri & Co.
edition suhrkamp, 176 S., € [D] 15,- / [A] 15,50

Die Griechenland-Krise und die mangelnde Handlungsbereitschaft im Umgang mit den Flüchtlingen haben nachdrücklich gezeigt, dass es um die EU nicht allzu gut bestellt ist. Zudem mehren sich Stimmen unterschiedlichster Provenienz, die Europa attackieren und europäische Werte infrage stellen: Identitäre wie der Massenmörder Anders Breivik, Dschihadisten wie der Syrer Abu Musab al-Suri, „Eurasier“ wie der Putin-Berater Alexander Dugin, aber auch einige Linkspopulisten am Rande von Syriza und Podemos. Claus Leggewie porträtiert Wortführer und politische Unternehmer, die unabhängig voneinander, aber oft in ungewollter Komplizenschaft die „Festung Europa“ schleifen wollen. Er erklärt, woher sie kommen und welche Pläne sie verfolgen. Und er fordert dazu auf, sich endlich politisch mit ihnen

ZYGMUNT BAUMAN: Die Angst vor den anderen
Übersetzt von Michael Bischoff edition suhrkamp, 125 S., € [D] 12,- / [A] 12,40

Wenn in kurzer Zeit hunderttausende Menschen ins Land kommen, stellt das für jede Nation eine gewaltige Herausforderung dar. Und dennoch wirkt es befremdlich, dass Migration praktisch alle anderen Themen von den Titelseiten verdrängt. Den Klimawandel. Die Ungleichheit. Zerfallende Staaten. Also die eigentlichen Ursachen der Migration. Zygmunt Bauman spricht angesichts der emotionalen Debatte von einer moralischen Panik. Und er stellt die Frage, wer von dieser Panik (oder Panikmache?) profitiert. Nicht zuletzt, so der Soziologe, populistische Politiker, die endlich klare Kante zeigen können – zumindest solange sie nicht in der Verantwortung stehen. Inmitten der Hysterie und der zunehmenden Xenophobie plädiert Bauman für Gelassenheit und Empathie. In einer Welt, in der Geld, Bilder und Waren frei zirkulieren und ob deren Kugelform sich die Menschen „nicht ins Unendliche zerstreuen können“ (Kant), werden wir lernen müssen, mit den anderen zusammenzuleben.

JAN-WERNER MÜLLER: Was ist Populismus? – Ein Essay
edition suhrkamp, 160 S., € [D] 15,- / [A] 15,50

Wer wird heute nicht alles als Populist bezeichnet: Gegner der Eurorettung, Figuren wie Marine Le Pen, Politiker des Mainstream, die meinen, dem Volk aufs Maul schauen zu müssen. Vielleicht ist ein Populist aber auch einfach nur ein populärer Konkurrent, dessen Programm man nicht mag, wie Ralf Dahrendorf einmal anmerkte? Lässt sich das Phänomen schärfer umreißen und seine Ursachen erklären? Worin besteht der Unterschied zwischen Rechts- und Linkspopulismus? Jan-Werner Müller nimmt aktuelle Entwicklungen zum Ausgangspunkt, um eine Theorie des Populismus zu skizzieren und Populismus letztlich klar von der Demokratie abzugrenzen. Seine Thesen helfen zudem, neue Strategien in der Auseinandersetzung mit Populisten zu entwickeln.

CARLO STRENGER: Abenteuer Freiheit
edition suhrkamp, 122 S. € [D] 14,- / [A] 14,90

Nachdem Carlo Strenger in Zivilisierte Verachtung gezeigt hat, weshalb es westlichen Gesellschaften heute oft schwerfällt, ihre Werte selbstbewusst zu verteidigen, wendet er sich in seinem neuen Buch der individuellen Seite dieser Verunsicherung zu: Warum leiden so viele Menschen unter Depressionen und einer erdrückenden Angst vor dem Scheitern? Warum boomen Heilslehren, die uns den Weg zum wahren Selbst weisen wollen? All das hat laut Strenger, damit zu tun, dass es sich bei der Idee, es gäbe so etwas wie ein Grundrecht auf müheloses Glück, um einen Mythos handelt. Ausgehend von Denkern wie Spinoza, Nietzsche und Freud legt er dar, dass lange die Überzeugung vorherrschte, Konflikte und Scheitern gehörten zur menschlichen Natur. Daher, so schließt er aus den Biografien von Künstlern wie Egon Schiele oder Francis Ford Coppola, müssen wir wieder lernen, dass Freiheit ein lebenslanges Abenteuer ist: riskant, aber zugleich viel interessanter, als uns die Massenkultur heute weismachen will.

dombrowskys lieblinge

megumi iwasa / jörg mühle: viele grüsse, deine giraffe
Moritz Verlag, 112 Seiten, € [D] 10,95 | € [A] 11,30 (ab 6 Jahren)

Es mag ja sein, dass Erwachsene nicht mehr so gerne Briefe schreiben wie früher, aber Kinder, die gerade lesen und schreiben gelernt haben, lieben Briefe und werden begeistert von diesem Briefroman sein. Giraffe lebt in der südafrikanischen Savanne, und vor lauter Langeweile kommt sie eines Tages auf die Idee, einen Brief zu schreiben. Pelikan wusste auch nicht recht, was er tun soll, er hat soeben einen Postdienst eröffnet und freut sich sehr über seinen ersten Auftrag. Giraffe möchte, dass er den Brief dem ersten Tier übergibt, das ihm hinter dem Horizont begegnet. Mit vor Aufregung laut klopfendem Herzen wartet Giraffe auf eine Antwort. Diese kommt schließlich von Pinguin, dem einzigen Bewohner der Walsee, der dort bei einem uralten Walprofessor zur Schule geht. Staunend liest er den Brief, in dem steht, dass Giraffe in Afrika lebt und berühmt für ihren sehr langen Hals ist. So beginnt ein reger Briefwechsel, und von Langeweile kann keine Rede mehr sein. Eines Tages beschließt Giraffe, ihren neuen Freund zu besuchen, als Pinguin verkleidet ... Ein Muss für jede Schultüte. Für alle, die schon gerne selber lesen, und natürlich zum Vorlesen für alle, die gerne Briefe schreiben. 
stern k Beate Widmann

isabelle autissier: herz auf eis
Aus dem Französischen von Kirsten Gleinig Mare Verlag, 224 Seiten, € [D] 22,– | € [A] 22,70

Jung und verliebt, allein auf einer einsamen Insel. Was sich wie ein schöner Traum anhört, wird für Louise und Ludovic zu einem höllischen Abenteuer. Die beiden haben sich eine Auszeit vom stressigen Alltag genommen und segeln ein Jahr lang die südamerikanische Küste entlang Richtung Kap Hoorn. Die große Freiheit genießend, entdecken sie fast unberührte Natur und wachsen an ihren gemeinsamen Erlebnissen. Dabei fahren sie auch ganz unerschrocken eine unter Schutz stehende unbewohnte Insel an. Als sie an Land Unterschlupf vor einem Unwetter suchen und ihre Jacht fortgetrieben wird, entwickelt sich aus einem kleinen verbotenen Ausflug ein Kampf ums Überleben. Während zu Hause ein Streit einfach nur ein kleiner Machtkampf ist, können gegenseitige Schuldzuweisungen mitten in der Wildnis, zwischen Robben und Pinguinen, fatale Auswirkungen haben. Das Paar kämpft nun nicht mehr nur um seine Liebe, sondern auch ums nackte Überleben. Vor atemberaubender Kulisse spielt sich hier ein spannendes psychologisches Drama ab. 
stern k Dana Hartmann

lauren wolk: das jahr, in dem ich lügen lernte
Hanser, 269 Seiten, € [D] 16,– | € [A] 16,50 (ab 14 und für erwachsene Leser)

Annabelle ist ein freundliches und aufgewecktes zwölfjähriges Mädchen im ländlichen Pennsylvania des Jahres 1943. Auch wenn die Erwachsenen viel vom Krieg reden, hat sie noch nie etwas wirklich Schlimmes erlebt. Das ändert sich schlagartig, als Betty neu in ihre Klasse kommt. Jeden Tag lauert diese ihr auf dem Schulweg in der Wolfsschlucht auf. Das verstört Annabelle zutiefst, denn sie weiß nicht, warum gerade sie immer wieder zur Zielscheibe für Bettys Aggressionen wird. Zuerst ist es ein Hieb mit einem Stock, der sie schmerzhaft trifft, dann ein über den Weg gespannter Draht auf Halshöhe, der ihrem jüngeren Bruder um ein Haar zum Verhängnis wird. Als schließlich ihre beste Freundin vor der Schule von einem Stein getroffen und schwer am Auge verletzt wird, behauptet Betty, dass sie Toby am Tatort gesehen hat. Toby ist ein menschenscheuer, traumatisierter Kriegsveteran, der in einer Hütte in der Nähe ihrer Farm lebt und tagsüber rastlos umherwandert. Kurz nach diesem Vorfall verschwindet Betty spurlos, und die Saat der falschen Behauptungen geht beängstigend schnell auf. Die aufgebrachten Dorfbewohner machen sich auf die Suche nach Toby, weil sie denken, dass er Betty entführt hat. Annabelle weiß, dass er keiner Fliege etwas zuleide tun kann, und hat Angst vor einer Eskalation. Sie versteckt ihn kurzerhand auf dem Heuboden. Um Toby zu schützen, verstrickt sie sich in immer mehr Lügen, doch die Tragödie ist nicht mehr aufzuhalten. Durch Annabelles Augen erlebt der Leser eine zunächst idyllische, heile Welt, in der jeder seinen Platz und seine Aufgaben in einer Sicherheit und Vertrauen gebenden Gemeinschaft hat. Annabelle versucht, in einer schwierigen Situation das Richtige zu tun, und man ist heilfroh, dass sie am Ende gestärkt daraus hervorgeht. Dieser wunderbare Roman erinnert an Harper Lee’s Wer die Nachtigall stört. Ein moderner Klassiker, spannend und zeitlos erzählt, der zu Herzen geht und nachhaltig beeindruckt. 
stern k Beate Widmann

oliver jeffers / sam winston: wo die geschichten wohnen
Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit Mixtvision, 44 Seiten, € [D] 14,90 | € [A] 15,40 (ab 6 und für alle)

»Ich bin ein Kind der Bücher. Ich komme aus einer Welt voller Geschichten.« Mit diesen Worten beginnt das unglaublich schöne Bilderbuch von Oliver Jeffers und Sam Winston. Auf einem Floß sitzt ein lesendes Mädchen, das uns mitnimmt auf eine Reise durch die Welt der Geschichten. Zusammen segeln wir über ein Meer aus Wörtern, erklimmen Berge aus Märchen, entdecken Schätze in dunklen Höhlen und sind dabei nie alleine. Alles, was wir entdecken, können wir mit all den anderen Bücherkindern teilen, die sich daran erinnern, wie es war, mit Robinson Crusoe auf einer einsamen Insel zu stranden, zusammen mit Alice den abgrundtiefen Schacht hinunterzufallen und mit Mary Lennox den geheimen Garten zu entdecken. Dieses Buch ist wie ein roter Teppich für all die Bücher, die uns durch unsere Kindheit begleitet haben. Die uns Mut, Freude und Fantasie gegeben haben und uns heute noch Flügel verleihen. Ein illustratives Gesamtkunstwerk, in dem sich Jung und Alt gerne verlieren werden. Was ist es doch für ein Glück, mit Geschichten handeln zu dürfen, sie zu entdecken, vorzulesen und zu empfehlen und immer wieder zu staunen, welch große Vielfalt und Schönheit zwischen zwei Buchdeckel passt! 
stern k Beate Widmann

castle freeman: männer mit erfahrung
Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren Nagel & Kimche, 171 Seiten, € [D] 18,90 | € [A] 19,50

Als hätte Aki Kaurismäki einen Western geschrieben: Freeman erzählt uns eine absurde Geschichte aus einem kleinen Nest in Vermont. In ihrer Verzweiflung wendet sich die junge Lillian an den Sheriff. Sie wird gestalkt. Von einem rauen, brutalen Typen namens Blackway. Doch der Sheriff kann oder will nichts für sie unternehmen – solange Blackway ihr nichts angetan hat. So lässt sie sich auf eine Gruppe herumhängender Arbeitsloser ein, die ihr Hilfe anbieten. Zusammen mit Lillian machen sie sich auf die Suche nach Blackway, der schwer zu finden oder gar untergetaucht ist. Im Lauf ihrer Nachforschungen schwant Lilian, wie die »Hilfe« ihrer Unterstützer aussehen könnte: final. Als ihr das jedoch klar zu werden beginnt, ist es zu spät. Eine wahnwitzige Geschichte, an der man seine Freude hat. 
stern k Ulrich Dombrowsky

david mitchell: die knochenuhren
Aus dem Englischen von Volker Oldenburg Rowohlt, 811 Seiten, € [D] 24,95 | € [A] 25,70

Seit langem steht Der Wolkenatlas von David Mitchell auf meiner Leseliste, und jetzt verschaffen mir Die Knochenuhren endlich die Gelegenheit, den Autor kennenzulernen. Sein neuestes Buch hat – zugegeben – einen seltsamen Titel. Doch noch bevor wir uns zu lange bei irgendwelchen Knochen und Uhren aufhalten, sind wir dem Rausch der Geschichte schon verfallen. Holly Sykes ist eine sympathische Heldin, die in den 80er Jahren im Osten Londons aufwächst. Im Lauf ihres Lebens werden wir immer wieder die Perspektive, den Ort, die Zeit wechseln, was die Handlung ständig aufs Neue erfrischt. Mit jeder weiteren Figur bekommen wir zusätzliche Einblicke, was Hollys seltsame Begabung betrifft: Sie hört Stimmen und hat rätselhafte Visionen. Die Handlung zieht sich bis ins Jahr 2043, in dem die Welt in vorindustrielle Verhältnisse zurückfällt, da die Ölquellen endgültig versiegt sind. So geht es nicht nur um Übersinnlichkeit, sondern um die Rücksichtslosigkeit in der Geschichte der Menschheit. Mitchells ausgefeilte Sprache lässt präzise Bilder im Kopf entstehen. 
stern k Dana Hartmann

isabel minhós martins: hier kommt keiner durch!
Klett Kinderbuch, € [D] 13,95 | € [A] 14,40 (ab 5 Jahren)

Ein politisches Buch für fünfjährige Kinder – großartig! Es regt an, nachzudenken, zu hinterfragen, seine Meinung zu sagen, damit eventuell auch mal ein Risiko einzugehen, gemeinsam stark zu sein. Der Aufpasser dominiert mit seiner Ansage: »Hier kommt keiner durch!« Schließlich hat sein General genau das bestimmt, um jederzeit und ungestört auf die dadurch frei und weiß bleibende rechte Seite des Buches zu kommen. Der erste Passant, Niklas, ist skeptisch, vesucht aufzubegehren, es folgen Herr Albino, Isa, Mirko, die Kinder Lionel und Christiano mit ihrem Ball und unzählige weitere Erwachsene und Kinder. Ein wildes Durcheinanderrufen, Schimpfen, Nachfragen beginnt, Ratlosigkeit und Protest folgen. Aber erst als, »UPS!«, der Ball der beiden Kinder auf die rechte weiße Seite hüpft, sie um Durchlass bitten, »Na gut, aber nur diese eine Mal ...«, gerät eine Lawine ins Rolle. Der von seiner Großzügigkeit und der daraus resultierenden Freude auf Seiten der vielen Menschen gerührte Aufpasser genießt die neuen Sympathien, bis, ja bis der General mit seiner Armee aufmarschiert. Was jetzt auf der rechten (und das ist nicht politisch zu sehen!) Seite an Solidarität entsteht, ist fantastisch! Ein mutiges und Mut machendes Buch – typisch Klett Kinderbuch! 
stern k Daniela Dombrowsky

jo cotterill: eine geschichte der zitrone
Aus dem Englischen von Nadine Püschel Königskinder Verlag, € [D] 16,99 | € [A] 17,50 (ab 12 Jahren)

Eine eigene Bibliothek zu haben, bedeutet für Calypso und ihren Vater einen Genuss, der beiden die Möglichkeit zum Abtauchen bietet. Oft genug tut die Elfjährige genau dies, versinkt in der Welt der Bücher, die Raum für all ihre Emotionen bietet. Wenn Probleme auftauchen, appelliert ihr Vater an Calypsos innere Stärke, was für das Mädchen letztlich bedeutet, immer auf sich selbst gestellt zu sein und allein klarzukommen. Seine Arbeit an einem Buch über die Geschichte der Zitrone vereinnahmt ihn vollständig, so dass er seine Tochter oft, viel zu oft vergisst. Erst Mae, neu in die Klasse gekommen, eröffnet Calypso den Zugang zu einem Familienleben, nach dem sich das Mädchen schon immer gesehnt hat: Eltern, die sich kümmern, gemeinsame Mahlzeiten, gegenseitige Unterstützung. Die beiden Freundinnen lesen gerne, möchten ein Buch schreiben und veröffentlichen und gründen eine Schreibwerkstatt. Die immer häufiger werdenden Besuche von Calypso bei Mae verdeutlichen ihr den extremen Gegensatz zu ihrem Zuhause, in dem Emotionen, Nähe, Erinnerungen weder Anerkennung noch Raum finden. Als genau diese fehlende Wertschätzung eine Katastrophe für Mae auslöst, müssen Vater und Tochter neue Wege für ihr Leben suchen. 
stern k Daniela Dombrowsky

hanya yanagihara: ein wenig leben
Hanser Berlin, 958 Seiten, € [D] 28,– | € [A] 28,80

Was für ein Buch. Was für Helden. Was für ein Antiheld. Erzählt wird die Freundschaft zwischen vier Männern, die sich aus ihrer Collegezeit kennen, die zusammen in verschiedenen Konstellationen in Wohngemeinschaften gelebt haben – auch zusammen. Im Mittelpunkt steht Jude. Auch wenn er der – aus seiner Sicht – am wenigsten Liebenswerte ist. Und im Mittelpunkt steht eine Freundschaft zueinander, die man ohne weiteres als Liebe bezeichnen kann, platonisch zwar, aber fast bedingungslos. Die vier sind Willem, Schauspieler, der im Lauf der Romanhandlung zum weltberühmten, hochdotierten und äußerst beliebten Filmstar wird; JB, Konzeptkünstler, egozentrischer und schwer zu handelnder Zeitgenosse; Malcolm, der zum erfolgreichen Stararchitekten wird; und nicht zuletzt Jude, zuerst engagierter Staatsanwalt, später gnadenloser und begnadeter Verteidiger, der für seine Klienten wirklich alles herausholt. Erzählt werden auch Herkunft und Werdegang eines jeden; vor allem aber Judes Leben und seine Beschädigungen, die aus seiner Kindheit und Jugend herrühren und über die Jude nicht reden kann. Sowohl psychische als auch körperliche Verletzungen und die damit verbundenen, fast nie nachlassenden Schmerzen prägen seinen Alltag. Erst nach und nach werden wir in die Abgründe seiner Lebenserfahrungen eingeweiht. Gegenüber seinen Freunden weiß er sich aber zu »verstecken« und seine Geschichte zu verbergen. 
stern k Ulrich Dombrowsky

felix jud empfiehlt

wolfgang hildesheimer: lieblose legenden
Bibliothek Suhrkamp, 171 Seiten, € [D] 14,– | € [A] 14,40

Weltläufig und mit musikalischer Eleganz erzählt Wolfgang Hildesheimer in Lieblose Legenden von Hochstaplern und Fälschern, die den wichtigtuerischen abendländischen Kulturbetrieb ad absurdum führen. So auch der fiktive Gottlieb Theodor Pilz, der einen Brief an Ludwig van Beethoven verfasst: »Ich habe übrigens kürzlich Ihre fünfte Symphonie gehört. Nicht übel, gar nicht übel! Dennoch ist es meine Meinung, lieber Meister, dass Sie sich einmal heiteren Dingen zuwenden und ein wenig Ferien vom Titanischen nehmen sollten.« Mit Witz und Ironie widmet sich Hildesheimer in seiner Sammlung von Kurzgeschichten den Legenden deutscher Kultur wie August Wilhelm Schlegel, Madame de Stael, Turnvater Jahn, E. T. A. Hoffmann, George Sand und Frédéric Chopin. Im Atelier eines Künstlers treffen immer neue Leute ein, vom Handwerker bis zum Mäzen – und zu guter Letzt tritt auch noch das benachbarte Ehepaar Gießlich durch ein Loch in der Wand hinzu. Ein nicht enden wollendes Fest nimmt einen unvorhergesehenen Lauf. An einem anderen Schauplatz, auf der künstlichen Insel San Amerigo bei Venedig, feiert eine illustre Abendgesellschaft bis zum Untergang. Unter ihnen befinden sich die Ausdruckstänzerin Dombrowska, die den Jugendstil verbreitet, die Astrologin Sgambati, die aus den Sternen kulturgeschichtliche Strömungen abliest, sowie Professor Kuntz-Sartori, Verfechter der royalistischen Idee, der versucht, in der Schweiz eine Monarchie einzuführen. Hildesheimer betrachtet die Welt mit dem verwunderten Blick des Kindes und zugleich mit dem bösen des Satirikers. Er bewegt sich zeitlebens im Spagat zwischen schriftstellerischem Schaffen und bildender Kunst, studierte in den 30er Jahren Malerei, Textilentwurf und Bühnenbildnerei in London, bevor er sich als Schriftsteller der Gruppe 47 anschloss. Lieblose Legenden, mit seinen geistreich-humorvollen Kapriolen des Alltags, ist ein zeitloses Kultbuch.
stern kAnnika Sprünker

dorothy parker: denn mein herz ist frisch gebrochen - Gedichte
Englisch / Deutsch, Originaltitel: Complete Poems; aus dem Amerikanischen von Ulrich Blumenbach; mit einem Nachwort von Maria Hummitzsch Dörlemann, ca. 600 Seiten, € [D] 34,– | € [A] 35,–

Gesellschaftsnotiz
 
Herzchen, triffst Du einen Mann,
Der vor Takt kaum laufen kann,
Der Dir zuraunt, er vertrau’
Seinem Leitstern, seiner Frau,
Der Dir pausenlos verspricht,
Techtelmechtel hätt er nicht,
Untreu sein wär ihm ein Graus …
Herzchen, nimm sofort Reißaus!
   
Social Note
 
Lady, lady, should you meet
One whose ways are all discreet
One who murmurs that his wife
Is the lodestar of his life,
One who keeps assuring you
That he never was untrue,
Never loved another one …
 Lady, lady, better run!

Als Dorothy Parker an einem sonnigen Nachmittag (nicht in einer Regennacht, wie immer von ihr gewünscht) 1967 in New York starb, widmete die New York Times tags darauf die ganze Titelseite der großen Schriftstellerin und Theaterkritikerin. Man adelte sie als eine Chronistin der 20er Jahre und würdigte ihre vielfältige Arbeit. Sie galt als Spottdrossel, und man fürchtete ihre scharfen Bonmots (aus einer Theaterkritik für die Vanity Fair: »Katherine Hepburn beherrscht die ganze Skala der Gefühle von A bis B«. 1920 wurde sie von der Zeitschrift gefeuert, weil ihr beißender Sarkasmus nicht mehr tragbar schien). Geboren 1893 als Dorothy Rothschild (ihr Onkel Martin Rothschild kam 1912 an Bord der Titanic ums Leben), wuchs sie allein auf, ihre Eltern starben früh, und verbrachte ihre Kindheit und Jugend in Privatschulen. Sie fing bereits als Schulkind an zu dichten, 1916 wurden ihre ersten Gedichte in einer Zeitschrift veröffentlicht. Trotz ihres vielfältigen literarischen Werks ist sie bei uns bisher vorwiegend für ihre Erzählungen bekannt, die – wie ihre Lyrik – eine Mischung sind aus Witz, Melancholie, Ironie und Spott. Und mit diesem rasanten Mix erinnert sie zuweilen durchaus an eine Mascha Kaleko, ihre literarische Zeitgenossin aus Berlin. Dem feinen Dörlemann Verlag aus Zürich und dem Übersetzer Ulrich Blumenbach ist es zu verdanken, dass nun zum ersten Mal eine deutsche Übersetzung der Gedichte von Dorothy Parker vorliegt. Im Nachwort vom Maria Mummitzsch heißt es: »Dass nun auch alle ihre zu Lebzeiten in Buchform erschienenen Gedichte auf Deutsch entdeckt werden können, ist Ulrich Blumenbachs leidenschaftlicher Unbeirrtheit zu verdanken, seinem Wunsch, den Lesern Autoren und den Autoren Wörter zu finden, die zum Abwehrzauber gegen den Alltag werden können.« Und wenn diese leidenschaftliche Unbeirrheit auch noch zu einer längst fälligen Gesamtausgabe der Erzählungen führen würde, stünde der Wiederentdeckung von Dorothy Parker nichts mehr im Weg.
stern kAnnegret Schult

julian barnes: der lärm der zeit
Roman Aus dem Englischen von Gertraude Krueger Kiepenheuer & Witsch, 256 Seiten, € [D] 20,– | € [A] 20,60

In Der Lärm der Zeit wird der Komponist Dimitri Dimitrijewitsch Schostakowitsch (1906–1975), dessen Leben in kurzen chronologischen Episoden eindringlich skizziert wird, zum zentralen Motiv für ein Gesellschaftsporträt Russlands. Allein der Kunstgriff, die Geschichte eines Musikers unter einen Titel zu stellen, der das Wort »Lärm« enthält (und die deutsche Übersetzung kann dem englischen Original an dieser entscheidenden Stelle zum Glück folgen) – ein Begriff, der auf der Ebene der Laute eher das Gegenteil von Musik formuliert –, weist bereits eingangs auf die zentralen Kontrapunkte in diesem Buch hin. Der Lesende fühlt die Beklemmungen, Ängste und Zwiespalte der zentralen Figur, als wäre er selbst ein Ich-Erzähler: »Ich bin allein; alles um mich versinkt in Falschheit.« Ist es nicht »der älteste Traum aller Künstler«: Sie »würden aus freiem Willen und ohne jede politische Direktive dazu beitragen, dass die Seelen ihrer Mitmenschen blühten und gediehen«? »Wir wissen doch, Genosse Schostakowitsch, dass Sie sehr wohl fähig sind, Musik zu schreiben, die den Massen gefällt. Warum bleiben Sie dann hartnäckig bei Ihrem formalistischen Gequake und Gegrunze ... ?« Warum aber wählt Barnes ausgerechnet Schostakowitsch als Figur? Er eignet sich wie vielleicht kein anderer, vereint er doch so viele Gegensätze in seiner Person: Er war einer der bedeutendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts, er war ein hochsensibler schwacher Charakter im ständigen Zwiespalt zwischen seiner Berufsehre, seinem eigenen Anspruch und dem politischen Druck und damit der Sorge um seine Familie, er wurde als Musiker und Komponist abwechselnd gefeiert, unter Druck gesetzt und verfolgt, er ist in Russland geblieben (im Gegensatz zu Strawinsky und Prokofiev), und er hat, anders als viele seiner Künstlerkollegen, die »Säuberungen« durch die Obrigkeit überlebt. Letztlich siegt die Bedeutung seiner Musik über die Zeit, so wie er es sich selbst erhofft hat! Eine Erkenntnis am Rande, und doch von zentraler Bedeutung, fordert den Lesenden nachhaltig zum Nachdenken auf: Zahlreiche bekannte westliche Künstlerpersönlichkeiten bezeichne( te)n sich selbst als überzeugte Anhänger des Kommunismus (aus der sicheren Distanz ihrer Demokratien) und beschrieben ihre Besuche in Russland in den schönsten Farben, absolut jenseits des Verständnisses für die wahren Verhältnisse des Landes und seiner Menschen, ja sogar in absichtlicher Ignoranz derselben und mit der Intention einer romantisierten Verherrlichung – damals wie heute, nur dass es jetzt nicht mehr der Kommunismus ist, der verherrlicht wird. Und wer wollte da den Insassen eines diktatorischen Systems Angepasstheit und Verstellung zur Sicherung der eigenen und mitmenschlichen Existenzen vorwerfen? Nachsatz: Tichon Chrennikow, selbst musikalisch tätig und der Mann, der Schostakowitsch noch in der Nachkriegszeit unter Chruschtschow das Leben schwer gemacht hat, wurde im Jahr 2003 (zu dem Zeitpunkt bereits schon »hochdekoriert«) vom russischen Präsidenten Wladimir Putin für sein Lebenswerk ausgezeichnet – hat sich etwas geändert, oder ist das der Lärm unserer Zeit?
stern k Karen Baum

dirk kurbjuweit: die freiheit der emma herwegh
Carl Hanser Verlag, 336 Seiten, € [D] 23,– | € [A] 23,70

Der Dichter Georg Herwegh (1817 – 1875), heute fast vergessen, war in seiner Zeit so berühmt, dass die Menschen am Bahnhof Spalier standen, wenn er in die Stadt kam. Der aktuelle Roman Die Freiheit der Emma Herwegh von Dirk Kurbjuweit schildert die sehr ungewöhnliche Liebesbeziehung zwischen Emma und ihrem Mann Georg. Herwegh verliebt sich nach seiner Heirat in Natalie, die Frau seines Genossen Alexander Herzen. Innerlich zerrissen duldet, ja fördert Emma diese Liaison, um ihren Mann nicht zu verlieren. Ihr Handeln steht unter dem Credo der freien Liebe. Die Freizügigkeit ihres Denkens und Agierens erstaunt auch noch in unserer heutigen Zeit. Neben der faszinierenden Liebesgeschichte entfaltet dieses Buch ein sehr interessantes Zeitbild im Berlin und Paris Mitte des 19. Jahrhunderts. Emma und ihr Mann kämpfen für Freiheit und Gerechtigkeit – und ums Überleben. 1848 schließt sich Emma dem bewaffneten Trupp an, der die Revolution von Frankreich nach Deutschland bringen soll. Mutig und letztlich ohne Rücksicht auf Mann und Kinder geht sie ihren eigenen Weg. Eine Frauenfigur, die in ihrer Epoche für Freiheit und gesellschaftlichen Umbruch steht.
stern k Marina Krauth

joachim mischke: ziel elbphilharmonie - musik der stadt in zehn porträts
Carl Hanser Verlag, 336 Seiten, € [D] 23,– | € [A] 23,70

Vorwort Christoph von Dohnányi. Ansichten der Elbphilharmonie von Friedel Anderson, Manfred Besser, Klaus Fußmann, Lars Möller, Rolf Stieger, Frank Suplie und Till Warwas Verlag Felix Jud, Hamburg 2016, 68 Seiten, € [D] 38,– Vorzugsausgabe mit einem Linolschnitt von Klaus Fußmann ca. € [D] 178,–

»jetzt hört alle, alle zu« - joachim gauck, eröffnungsrede am 11. 1. 2017
Anfang 2016 planten wir eine Publikation, um die Eröffnung der Elbphilharmonie mitzufeiern, denn das anvisierte Datum der Fertigstellung im Januar 2017 schien einhaltbar. Glücklicherweise konnten wir Joachim Mischke, Musikwissenschaftler und Kritiker, für uns gewinnen. Christoph von Dohnányi, ehemaliger Chefdirigent des NDR-Sinfonieorchesters bis 2010 (und bis dahin designierter Eröffnungsdirigent), schrieb ein Grußwort. Mischke ließ in zehn amüsant und flott erzählten Porträts Hamburgs Musikgeschichte Revue passieren. Von Georg Friedrich Händel bis Hans Werner Henze werden Komponisten beschrieben, die das Musikleben der Stadt geprägt haben. Den Text begleiten neunzehn Bilder von sieben Hamburger und norddeutschen Malern, die sich in unterschiedlichen Maltechniken mit dem Bauwerk – The Guardian nannte es kürzlich »a crystalline palace for music in the air« – auseinandergesetzt haben. Der kristalline Musikpalast hat die Künstler inspiriert: zu stimmungsvollen Bildern von expressiver Farbigkeit bei Manfred Besser und Rolf Stieger oder sanften Tönen bei Friedel Anderson, Frank Suplie oder Lars Möller. Mal ist das Bauwerk die Stadtkrone der Hamburg-Silhouette, wie bei Till Warwas, mal der kompakte Musikdampfer Klaus Fußmanns’ an dem nunmehr kein Weg vorbeiführt. Wenige Tage vor Weihnachten fand die Buchvorstellung und Ausstellungseröffnung in unseren Räumen am Neuen Wall statt. Seit der Öffnung der Elbphilharmonie-Plaza im November 2016 und dem ersten Konzert am 11. 1. 2017 wird der Konzertbau nahezu einstimmig hymnisch gefeiert. Für die New York Times gehört Hamburg nun zu den Top-Ten-Reisezielen weltweit. Die frenetische Hamburger Euphorie veranlasste Andreas Platthaus zu einer FAZ-Rezension: »Bei all dem Hamburger Begeisterungstaumel, der so gar nicht zum kühlen Image der Hanseaten passen will, lohnt der Blick in ein schlicht-elegantes Buch, das pünktlich zur Eröffnung im Verlag der renommiertesten Buchhandlung der Stadt ›Felix Jud‹ erschienen ist: Ziel Elbphilharmonie «.
stern k Sandra Hiemer

lehmkuhl empfiehlt

aurélie guillerey und émilie chazerand: mein bruder aus dem gurkenglas
Aus dem Französischen von Tobias Scheffel Knesebeck, 45 Seiten, € [D] 12,95 | € [A] 13,40 (ab 5 Jahren)

Hieronymus hat zwei große Probleme: einen hässlichen Vornamen und keine Geschwister. Zum Glück gibt es Herrn Cocolori, den netten Lebensmittelhändler mit dem italienischen Akzent, der Hieronymus einfach ein Gurkenglas vor sein verdutztes Gesicht hält mit den Worten: »Ganze einfack: Du lässt schöne Wassere in Badewanne, schöne warm, viele Schaum, denn rieckte bestimmte muffige da drin … Dann du schütteste alle Inhalte von Glas in Wassere, lässte kurze ziehe und – magico – du haste Bruder!« Gesagt, getan. Und siehe da, dem Bad entsteigt Archibald, sein blonder und sommersprossiger Gurkenglasbruder. Archibald ist schön und beliebt, er hat gute Noten und kann schnell rennen, kurz: Der neue Bruder nervt Hieronymus bald ganz fürchterlich! Als Archibald ihn aber eines Tages gegen den fiesen Gideon verteidigt und dafür Hausarrest kassiert, findet Hieronymus plötzlich alles ganz fad ohne seinen Bruder. Als Muttertag vor der Tür steht, machen sich Hieronymus und Archibald gemeinsam auf zu Herrn Cocolori. Der hat natürlich mal wieder genau das richtige Geschenk parat: eine Schwester in der Dose! Aber warum, bitte schön, soll die mehr kosten als der Gurkenbruder? »Kanne iche nixe dafür! Iste Preis! Mädche immer teurer als Junge!« Und so planscht schon bald Ottilie im dampfenden Badewasser – doch wer um Himmels willen ist bloß das Mädchen neben ihr …?
stern k Katharina Lemling

courtney summers: ausser sich
Aus dem Englischen von Friederike Levin Beltz & Gelberg, 375 Seiten, € [D] 16,95 | € [A] 17,50 (ab 14 Jahren)

Als Romy morgens auf der Landstraße erwacht, mit offener Bluse und blutigen Knien, kann sie sich an nichts erinnern. Sie weiß nur noch, wie sie am Abend vorher auf die Party kam, und dann – Filmriss. An der Stelle switcht das Buch um zwei Wochen zurück, und wir schauen Romy dabei zu, wie sie sich die Nägel lackiert. Es ist nicht einfach nur eine Maniküre, das wird schnell klar, hier geht es um mehr. Das Rot auf den Fingern (und auf ihren Lippen) ist Signal und Stoppschild zugleich: Bis hierhin und nicht weiter, heißt es, und mit jeder Schicht, die Romy mit penibler Sorgfalt aufträgt, gewinnt sie ein kleines Stück Kontrolle über ihr Leben zurück. Diese Kontrolle ist ihr ein Jahr zuvor auf brutale Weise genommen worden. Damals wurde sie nach einer Feier von dem Jungen, den sie bis dahin angehimmelt hatte, auf der Ladefläche seines Wagens vergewaltigt. Dass der beliebte Sohn des Sheriffs zu so einer Tat fähig sein sollte, wollte ihr niemand glauben, stattdessen war es von nun an Romy, die ausgeschlossen und gemobbt wurde. Mit schonungsloser Genauigkeit seziert der Roman die widersprüchlichen Gefühle, die Romy innerlich zerfressen. Mit niemandem kann sie über das Erlebte sprechen, am wenigsten mit Leon, zu dem sich eine zarte Liebesgeschichte anbahnt. Hin und her geworfen zwischen Scham, Selbsthass, Angst, Wut und dem Wunsch nach Normalität, verwendet sie all ihre Energie darauf, den Teil von sich, der DAS hat mit sich machen lassen, loszuwerden. Niemand soll sie noch einmal so hilflos und schwach sehen. Doch dann verschwindet Penny, ihre ehemals beste Freundin, und Romy muss sich der Vergangenheit stellen. Meisterhaft gelingt es Courtney Summers, die innere Not der jungen Frau zu schildern und zugleich Mut zu machen, dass es einen Weg aus dem Schweigen geben kann.
stern kKatharina Lemling

véronique olmi: der mann in der fünften reihe
Aus dem Französischen von Claudia Steinitz Kunstmann, 112 Seiten, € [D] 18,– | € [A] 18,60

Es ist Nacht in Paris, der Stadt der Liebe. Vereinzelt treiben sich noch Menschen auf den Straßen herum. Eine von ihnen ist Nelly, eine berühmte Theaterschauspielerin, die auf einer Bank im Gare de L’Est versucht, wieder zu Kräften zukommen. Völlig aufgelöst und von der Überzeugung gequält, nie mehr schauspielern zu können, erzählt sie einer unbeteiligten und scheinbar geistig abwesenden Person ihre Geschichte. Wie der Titel des Romans schon erahnen lässt, ist an Nellys Situation ein Mann nicht ganz unschuldig. Viel mehr darf und kann man auch gar nicht zu der Handlung sagen, da es zu viel vorwegnehmen würde. Was aber nicht verschwiegen werden soll, ist die besondere Art und Weise, wie es der Autorin gelingt, dem Leser Nellys Gefühlswelt näherzubringen. Leidenschaftlich, emotional, mitfühlend und an manchen Stellen vielleicht auch etwas verworren schafft sie es, dass man voll und ganz ins Buch eintaucht. Leser, die Licht von Christoph Meckel begeistert gelesen haben, werden auch hier auf ihre Kosten kommen. Dieses Buch ist für jeden geeignet, der für ein, zwei Stunden die Welt um sich herum vergessen will.
stern kAnika Gebhard

susann pásztor: und dann steht einer auf und öffnet das fenster
Kiepenheuer & Witsch, 288 Seiten, € [D] 20,– | € [A] 20,60

Fred hat sich zum ehrenamtlichen Sterbebegleiter ausbilden lassen. Der alleinerziehende Vater eines 13-jährigen Sohnes möchte seinem Leben Sinn verleihen. Außerhalb ihrer alltäglichen Rituale haben sich die beiden nicht viel zu sagen. Mit Karla, unheilbar an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt, bekommt er seine erste eigene Klientin, eine eigensinnige und selbstbewusste Frau, für den eher ängstlichen Fred eine echte Herausforderung. Unbeholfen versucht er ihr Gutes zu tun – oder eher sich selbst? Jedenfalls geht die Sache gründlich schief. Inzwischen will Karla nur noch seinen Sohn Phil sehen. Ein außergewöhnlicher Pubertierender, der sich selbst als »Wörterbeschützer« beschreibt und Gedichte verfasst. Karla teilt ihm eine besondere Aufgabe zu. Fred bekommt von ihr seine zweite Chance, die er nutzt, um ihr ein guter Begleiter zu sein, aber auch um seinem Sohn näherzukommen. In ihrem Beziehungsgeflecht findet jeder von ihnen seinen eigenen Weg. Gemeinsam entdecken sie das Leben und das, was es ausmacht. Einfühlsamkeit, Respekt, Vergebung und Verstehen werden plötzlich wichtig. Drei Perspektiven sowie die dazwischengestreuten Gedichte von Phil und Karlas Listen sind Zeugnisse ihrer Gedanken und Wahrnehmungen. Es geht um Ängste, ums Loslassen, aber auch um selbstbestimmtes Sterben und Abschiednehmen. Dass die Autorin Susann Pásztor von ihrem eigenen Erfahrungsschatz profitiert, wird mit einem Blick auf ihre Biografie klar: Auch sie ist als ausgebildete Sterbebegleiterin ehrenamtlich tätig. Und dann steht eine auf und öffnet das Fenster und zeigt uns mit ihrem Roman, gerade in all der Traurigkeit, die Schönheit des Lebens. Mit all seinen leisen Zwischentönen. Eine echte Bereicherung!
stern kBrigitte Giesler

markus günther: weiss
Dörlemann, 190 Seiten, € [D] 20,– | € [A] 20,60

Zwischen den Buchdeckeln des kleinen weißen Büchleins werden wir Zeugen eines Moments, der die Welt aus den Angeln hebt. Hannahs Welt. Sie beobachtet ihren Mann Jo: »Das Schmerzhafteste war: sein Gesichtsausdruck, der von so einer erschütternden Intensität war, von einer Gefühlskraft …« Verstört, verletzt, kann sie den Blick nicht von ihm abwenden. Und von einem Augenblick zum anderen stellt sie alles in Frage. Sie gerät in einen nicht enden wollenden Gedankenstrom und damit mehr und mehr an die Grenzen ihres Verstehens sowie ihres Verstandes. Kleine Ungereimtheiten aus ihrem Eheleben setzen sich in ihrem Kopf wie Puzzleteilchen zusammen. Ist die Farbe Weiß vielleicht der Schlüssel? Bringt diese Erkenntnis Licht ins Dunkel? Weiß war und ist in jedem Fall der Ausgangspunkt von Jos gestalterischer Arbeit als Architekt. Es entspricht völlig seinen architektonischen Prinzipien von Transparenz und Geschlossenheit. Weiß macht sichtbar, es transportiert unsere Emotionen, Sehnsüchte, Hoffnungen und Zweifel. Ist es eine Obsession? Eine Besessenheit? Was steckt wirklich dahinter? Doch wer ist hier von was besessen? Im medizinischen und psychologischen Sprachgebrauch handelt es sich dabei um »eine unangenehm bis quälend, der eigenen Person als zugehörig erlebte Zwangsvorstellung oder Zwangshandlung«. Immer tiefer verstrickt sich Hannah in ihren Gefühlsstrudel, bis hin zum Fieberwahn. Die Grenzen zur Realität verschwimmen, scheinen sich aufzulösen. Markus Günthers Prosa-Debüt ist ein Roman über Täuschung, Selbsttäuschung und Obsession. Fasziniert, angezogen und zugleich verwirrt und verstört, kann man das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Eine ganz besondere Geschichte, die lange nachhallt.
stern kBrigitte Giesler

jandy nelson: ich gebe dir die sonne
Aus dem Amerikanischen von Catrin Frischer (ab 14 Jahren) cbt, 477 Seiten, € [D] 17,99 | € [A] 18,50

Dieses Jugendbuch ist ein wahres Feuerwerk an sprachlicher Emotionalität, so dass es einen von der ersten Seite an mitreißt. Die Zwillinge Noah und Jude sind außerordentlich künstlerisch begabt, was ihre Mutter, die diese Begabung zwar an ihre Kinder vererbt, aber nie selbst verwirklicht hat, unbedingt fördern will. Als 13-Jährige sind sich Noah und Jude so nah, wie sich Geschwister nur sein können. Noah malt ununterbrochen und ist der heimliche Held seiner Mutter. Sie bestätigt ihn in seinem künstlerischen Schaffen, und er sieht in allem, was ihm begegnet, Farbe und Kunst. Er ist dabei eher der zurückhaltende Feingeist, der von den Klassenkameraden gemobbt wird und sich in den faszinierenden, charismatischen Jungen von nebenan verliebt, während Jude von den Felsen springt und überhaupt im Leben aus dem Vollen schöpft, jedoch zunehmend darunter leidet, dass ihre Mutter ihren Bruder für begabter hält. Dennoch vergöttern beide ihre Mutter, die beschlossen hat, dass Noah und Jude sich für die renommierte California School of Arts bewerben sollen. Doch drei Jahre später ist mit dem Tod der Mutter zwischen den einst Unzertrennlichen etwas kaputtgegangen. Judes größter Trost ist die »Grandma-Sweetwine- Bibel«, eine Sammlung von Weisheiten ihrer verrückten Großmutter, an die sie sich klammert wie an ein Evangelium. Noah kann sich nicht erklären, warum er nie an der Kunstschule angenommen wurde, und zeichnet seine Modelle heimlich durch das Fenster, beobachtet durch den Jungen von nebenan. Es geht um Kunst, um Liebe, um eine Geschwisterbeziehung und vieles mehr. Dieser Roman hat so viele Facetten, dass die Handlung schwer zu erklären ist, und genau deshalb sollte man ihn lieber gleich selbst lesen. Schon lange habe ich kein Buch mehr gelesen, das ich nicht mehr aus der Hand legen konnte und das mich noch lange, nachdem ich fertig damit war, so begeistert und inspiriert hat.
stern kAnna-Sophia Mäder

yoko ogawa: zärtliche klagen
Aus dem Japanischen von Sabine Mangold Liebeskind, 269 Seiten, € [D] 20,– | € [A] 20,60

Ein Text wie ein musikalischer Klang: kristallklar komponiert und vielstimmig-melancholisch. Yoko Ogawa erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die sich in ein Landhaus in den Bergen zurückzieht, um, enttäuscht und betrogen von ihrem Leben als Ehefrau eines wohlsituierten Arztes, der Stadt und ihrem Alltag zu entfliehen. Die gesuchte Einsamkeit tut der gelernten Kalligrafin Ruriko gut und gibt ihrem eigenen Gestaltungswillen und Empfinden wieder den nötigen Raum. Nur wenige Menschen leben in dieser abgeschiedenen Waldregion, und da ist die Nachbarschaft zu einem Instrumentenbauer und seiner Assistentin ein besonderes Geschenk für sie. Ruriko findet durch die beiden Künstler einen für sie neuen und direkten Zugang zur klassischen europäischen Musik. Die unbedingte Konzentration auf die Musik und den perfekten Klang, der sich nur durch äußerste handwerkliche Präzision des Cembalobauers Nitta und seiner Assistentin bei den von ihnen angefertigten Instrumenten einstellt, führen Ruriko zu einer neuen Stufe der Lebenszufriedenheit. Musik wird für die drei Personen zu einem festen Band, das sie verbindet und ein Leben lang tragen wird, wenn auch jeden auf seine besondere Weise. Der japanischen Autorin Ogawa genügen in diesem Text nur wenige dezente »Tuschestriche«, um die emotionale Komplexität dieser drei sensiblen Menschen und ihrer Gefühle füreinander auszuformulieren. Jede der drei Personen bringt eine schwierige Lebensgeschichte in diese »Nachbarschaft« ein, und jeder muss sich auf seinem Lebensweg neu justieren. Die Vornehmheit dieses sprachlich glasklaren japanischen »Kammerspiels« wird lange in Erinnerung bleiben!
stern kMechthild Heinen

leporello empfiehlt

upton sinclair: boston
Aus dem Amerikanischen von Viola Siegemund Manesse, 900 Seiten, gebunden, € [D] 39,95 | € [A] 41,10

»Here’s to you, Nicola and Bart«, sang in den Siebzigern Joan Baez ihren Text zur Komposition von Ennio Morricone. Das Lied gedenkt der italienischstämmigen Anarchisten Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti, die in den 1920ern in einem aufsehenerregenden Prozess durch amerikanische Gerichte zum Tode verurteilt und am 23. August 1927 hingerichtet wurden. Es sollte noch viele Interpreten und Interpretationen dieses Liedes geben, das zu einer internationalen Hymne wurde für die Opfer politischer Justiz. Die Namen Sacco und Vanzetti stehen für den Wirklichkeit gewordenen amerikanischen Albtraum. Upton Sinclair schreibt mit Boston einen gesellschaftskritischen Roman um die realen Geschehnisse der Zwanzigerjahre. Auf der einen Seite all das, was die 20er Jahre in der geschönten Version darstellen sollten, Partys, Musik und der Tanz, der zweifellos ein Tanz auf dem Vulkan war, und die andere gesellschaftliche Seite der Ausbeutung, brutaler Klassenkampfsituation, Rassismus und einer Justiz, die auf Seiten der Herrschenden war, machtdemonstrierende Klassenjustiz, um das korrupte System zu schützen. Die einflussreiche Ostküstensippe Thornwell ist für den Autor Beispiel des verkommenen Systems, sowohl Nutznießer wie auch Systemerhalter. Diese wirklichen Roaring Twenties sind der Inhalt dieses faszinierenden Buches. Kulminationspunkt des Romans ist der Schauprozess gegen die zwei prominentesten Justizopfer der amerikanischen Geschichte, Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti. Der Muckraker (Schmutzaufwühler, Nestbeschmutzer) Upton Sinclair besuchte für die Recherche zu diesem Roman den inhaftierten Vanzetti und hatte einige Gespräche mit ihm. Ihr Schicksal erschütterte Millionen Menschen weltweit in ihrem Glauben an Recht und Ordnung. Vanzetti schrieb aus dem Gefängnis: »The last moment belongs to us, that agony is our triumph!«
stern kErwin Riedesser

henry james, hanns-josef ortheil: in venedig
Aus dem Englischen von Helmut Moysich Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung, 288 Seiten, € [D] 24,– | € [A] 24,70

In der Handbibliothek des Dietrich Verlages, handlich und handwerklich schön gefertigt sowie mit Lesebändchen versehen, ist von Henry James In Venedig erschienen. Für Henry James war Venedig »ein Organismus, dem er sich nähert, um dessen Liebe er wirklich wirbt und kämpft«, den er oft aufsuchte und der sich mit seinem Werk verband; dies sagt Hanns Josef Ortheil: Er hat sich schriftstellerisch mit dem Werk von Henry James sehr beschäftigt, als faszinierter Leser des Autors, und begleitet dessen venezianische Aufenthalte mit seinen Kommentaren. Das Original mit dem historisch-persönlichen Ton und parallel dazu die Stimme Ortheils aus dem Off, erhellend und bereichernd, voller Liebe und profundem Wissen zum Autor Henry James. Hat sich so viel verändert seit der Zeit von James in Venedig? Schon den aufkommenden Massentourismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat Henry James’ miterlebt und damit auch die Flucht davor und die Schaffung eigener Wege. Henry James In Venedig und Hanns-Josef Ortheils Henry James in Venedig sind ein geniales Duett.
stern kErwin Riedesser

karl-markus gauss: zwanzig lewa oder tot - vier reisen
Zsolnay, 208 Seiten, gebunden, € [D] 22,– | € [A] 22,70

Was unterscheidet den Reiseschriftsteller Karl-Markus Gauß von einem Reiseschriftsteller? Gestatten Sie mir die Merkmale einiger leider zutreffender Vorurteile: Der Reiseschriftsteller bereist ein Land, bereitet die Anziehungspunkte auf, filtert sie nach Annehmlichkeiten, garniert mit diesen oder jenen kleinen Warnungen, zerteilt ein Land, einen Landstrich nach abenteuerlichen Reisemöglichkeiten (mit dem Bus und geführt), schwärmt von den geheimen Stränden, wo erst ab 10 Uhr die Busse zur heuschreckenartigen Besichtigung einfahren, und verkauft das Land an den Billigstbietenden. Karl-Markus Gauß lässt sein Herz hören und sehen, redet mit den Leuten, hat keine Absicht, außer … Außer über Dinge zu erzählen, die ihm erzählt wurden oder widerfahren sind. Ruhig, still, genussvoll. Gesellschaftskritisch? Ich traue ihm zu, dass er dieses nicht als Priorität sieht. Er ist kein Missionar. Aber er ist einer, der das Vergessen ungerecht findet und die Vergessenen ins Licht rückt. Klischees sind nicht seins. Die Missstände schreien sowieso aus den Schilderungen und Berichten. Seine Reise geht in diesem herrlichen Buch nach Moldawien, Bulgarien, Zagreb – die Nadel auf seinem Kompass zittert wie so oft beim O, wie Osten. Es sind die Menschen, die Gauß besucht und von denen er erzählt, von den Originalen, in deren Leben sich die Politik der Gegend besser abzeichnet, besser als im geschliffensten Politkommentar. Nehmen Sie sich Zeit, und Sie werden sie reichlich zurückgeschenkt bekommen. Eine persönliche Variante bei dieser Erforschung der sogenannten toten Winkel der Erde: In der Wojwodina begibt sich Karl-Markus Gauß auf die Spur seiner donauschwäbischen Mutter. Und Gauß hat einen ganz speziellen Humor, der in wenigen Worten lange Geschichten erzählt und Gegebenheiten zusammenfasst. So in einem Satz die Geschichte des Russen, der in Osnabrück sein Glück als Fremdarbeiter zumindest gesucht hat und der dazu alles sagt mit: »Mein Deutsch ist schlecht, aber mein Opel ist gut.«
stern kErwin Riedesser

claus peymann: mord und totschlag. theater | leben
Alexander Verlag, 536 Seiten, mit 305 zum Teil farbigen Abbildungen, gebunden, € [D] 29,90 | € [A] 33,–

1986 betrat Claus Peymann die Wiener Bühne schlechthin, das Burgtheater, um dann sehr viel später, nämlich 1999, Richtung Berlin die Stadt Wien, in der kein Stein mehr auf dem anderen grade lag, zu verlassen. Er hat aus einem Museum ein lebendiges Theater gemacht, aus dem Laufsteg des Bildungsbürgertums ein Spiegelbild des Lebens. Peymann ist mit Hermann Beil in Wien eingedrungen, hat die Fenster aufgerissen und den Mief der Jahrhunderte vertrieben. Ist das wirklich so? Oder war alles nur Bluff und Maulmarketing? Das lässt sich in seinem neuen großen Theaterbuch nachprüfen. Ein Buch, so lebendig und bunt wie Peymann und sein Leben selbst. Sein Theaterleben, bisher! Chronologisch geordnet, mit Themeneinschüben, Presse- Gustostückerln, Interviews und sehr persönlichen Dokumenten. Ein Quellenverzeichnis seiner Inszenierungen, und es waren legendäre dabei. Ja, und Fotos und Bilder und Bilddokumente. In Hülle und Fülle. Zum Schauen und Schauen und Hinein- und Festlesen. Ein Zauberer, ein König des Theaters hat die Welt verunsichert, verunsichert sie und wird sie auch noch hoffentlich lange verunsichern. Das Theaterleben in Wien ist voller spannender und lebendiger Wunder. Vom Serapionstheater bis zu den sogenannten Kleinbühnen und Persönlichkeiten wie zum Beispiel Sabine Mitterecker. War das jetzt alles Peymanns Werk? Wohl kaum, aber dann vielleicht wieder doch? Und im Burgtheater werkt wieder erfolgreich Karin Bergmann.
stern kErwin Riedesser

austria. a soldier’s guide – ein leitfaden für soldaten
Deutsch/Englisch, Czernin, 80 Seiten Hardcover, € [D] 15,– | € [A] 16,–

Niko Wahl und Philip Rohrbach, beide Wiener Historiker, kuratierten die Ausstellung Schwarz Österreich. Die Kinder afroamerikanischer Besatzungssoldaten und stießen bei den Recherchen auf den Soldier’s Guide. A Soldier’s Guide war ein Leitfaden für britische und amerikanische Soldaten. Ein Leitfaden und ein Reiseführer durch die österreichische Seele, gesehen von außen, entsprechend gespickt mit Halbwahrheiten. Natürlich trifft – oder traf, der österreichische Mensch hat sich ja enorm weiterentwickelt – vieles auch zu. Skurril liest sich dieser Guide sowieso, sollten sich doch die Befreier und Sieger adäquat der psychologischen Lage verhalten, in der sich die Besiegten befanden. Dieses für die Nichtkenner der Seele der Einwohner so notwendige Werk sollte natürlich auch zur Entnazifizierung, dienen oder, in der Sprache der temporären Einwanderer zur »Reeducation«. Natürlich ist es ein Dokument der damaligen Zeit, wie es selten so drastisch zu finden ist. Ein Leckerbissen für historisch interessierte Menschen allemal. Eine Kostprobe aus diesem ersten österreichischen Reiseführer der Nachkriegszeit: »Es hat keinen Sinn, von den Österreichern Pünktlichkeit und Verlässlichkeit zu erwarten, so wie wir diese Begriffe verstehen. Sie sind nicht auf die gleiche Weise geprägt wie wir. Sie meinen es ernst, wenn sie versprechen, etwas zu tun, sie meinen es genauso ernst, wenn sie sich dafür entschuldigen, es nicht getan zu haben.«
stern kErwin Riedesser

tiffany watt smith: das buch der gefühle
Aus dem Englischen von Birgit Brandau DTV, 384 Seiten, gebunden, € [D] 22,– | € [A] 22,70

Gefühl ist ein psychologischer Terminus, der als Oberbegriff für unterschiedlichste psychische Erfahrungen und Reaktionen … So und ähnlich lesen sich die Begriffserklärungen in wissenschaftlicher Trockenheit. Kann man auch vergnüglich Gefühle beschreiben? Womöglich in einem kurzweiligen Buch über eine breitgewürfelte Auswahl der diversesten Gefühle? Von Agoraphobie bis Mitarbeiterfrust. Von Abhiman über Demütigung bis zu Warm Glow. So ein Buch, das vergnüglich, erzählend, pointiert, aber profund, als Lesesessel-Buch mit Entschleunigung tatsächlich nachdenklich machen kann. Durchaus von dem in unseren Breitengraden zu analysierenden Gefühl der Schuld bis zu unbekannteren – oder doch nicht? –, etwa dem Gefühl der Umpfigkeit. Wie kann man nur den Ernst des Lebens (wie fühlen wir uns doch auch gebeutelt von unseren Gefühlen, außer wir sind mittelfristig dauercool, aber nicht einmal das hilft auf lange Sicht) so kulinarisch gescheit darstellen. Wandern Sie in den Gefilden der Gefühle, versäumen Sie nicht den Begriff Wanderlust, und wenn Sie sich gut fühlen, können Sie unter dem Passus »Wohlfühlen in seiner Haut« die passende Entsprechung auch lesen. Ein schön gemachtes Buch, das glücklich macht. Siehe »Glück«, Seite 136!
stern kErwin Riedesser

librium empfiehlt

david garnett: dame zu fuchs | david garnett: mann im zoo
Aus dem Englischen von Maria Hummitzsch Dörlemann, 155 Seiten, € [D] 17,– | € [A] 17,50 | Aus dem Englischen von Maria Hummitzsch Dörlemann, 159 Seiten, € [D] 17,– | € [A] 17,50

David Garnett war mir nicht bekannt, als ich das – wie immer beim Dörlemann Verlag sehr schön gestaltete – Bändchen Dame zu Fuchs las. Ich war vom ersten Satz an von der Sprache und der Geschichte angetan und entsprechend neugierig auf den Verfasser. David Garnett (1892–1981) war nicht nur Schriftsteller, Verleger und Buchkritiker, sondern auch Mitglied der Bloomsbury Group, einer Gruppe von englischen Künstlern, Intellektuellen und Wissenschaftlern, die von 1905 bis zum Zweiten Weltkrieg bestand. Das Charlestone Farmhouse, in dem die Künstlerin Vanessa Bell (Virginia Woolf’s Schwester) mit ihrem Geliebten Duncan Grant und dessen Geliebtem David Garnett in einer Dreiecksbeziehung lebte, wurde zu einem beliebten Treffpunkt der »Bloomsberries«. Dieses Haus in Sussex ist heute ein Museum, Haus und Garten sind hinreißend und einen Besuch wert! Was beschäftigte den oft als Dandy beschriebenen Schriftsteller? Ein Thema, das bei beiden nun vorliegenden Übersetzungen sichtbar wird: die Verwandlung der Menschen in Tiere oder, weiter gefasst, die Nähe von Menschen zu den Tieren. Zehn Jahre nach Kafkas Die Verwandlung schrieb er ein englisches Pendant dazu: In Dame zu Fuchs verwandelt sich eine junge Frau in einen Fuchs. Ein junges, frisch verliebtes Ehepaar unternimmt einen Spaziergang. In der Ferne sind Signalhörner zu hören, Jagdhunde bellen. Im Gegensatz zu ihrem Mann Richard findet Silvia Tebrick – geborene Fox! – keinen Gefallen an der Jagd. Mr Tebrick möchte gerne einen Blick auf die Jagdgesellschaft werfen und eilt zum Waldrand, als er hinter sich einen Schrei hört: »Wo eben seine Frau gewesen war, stand, mit leuchtend rotem Fell, ein kleiner Fuchs.« Weder Autor noch Ehemann stellen diese Tatsache in Frage, und uns Lesern bleibt, die Geschehnisse gespannt zu verfolgen. Diesmal gewappnet gegen Irritationen, las ich das soeben erschienene Buch Mann im Zoo. Auch von dieser zweiten Geschichte wurde ich überrascht. Mit derselben Lakonie wird hier erzählt, wie der junge John Cromartie und seine Freundin Josephine Lackett den zoologischen Garten in London besuchen. Cromartie ist verliebt und möchte möglichst schnell heiraten, Josephine hat Bedenken vor diesem Schritt. Im Streit wirft sie ihm an den Kopf: »Du bist Tarzan bei den Affen, du gehörst in den Zoo.« Der schwer gekränkte Cromartie schreibt einen Brief an die Zoo-Direktion mit einer Bewerbung und wird tatsächlich aufgenommen: Kurze Zeit später lebt er im Affenhaus, rechts von seinem Käfig ein Orang-Utan, links ein Schimpanse – zwei Nachbarn, die ihm feindlich gesinnt sind, weil er mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht. Auch hier wird das absurde Geschehen vom Autor als ganz folgerichtig geschildert. Das Fragenstellen und Grübeln überlässt er uns Lesern. 
stern kSusanne Jäggi

rudyard kipling: der schmetterling, der mit dem fuss aufstampfte
Herausgegeben, aus dem Englischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Andreas Nohl Hanser, 224 Seiten, € [D] 18,– | € [A] 18,50 (ab 6 Jahren)

Rudyard Kiplings Hauptwerk kennen wir alle: Das Dschungelbuch. Dass er allerdings auch sonst eine große Liebe zu Tieren hegte, ist zumindest im deutschsprachigen Raum noch kaum bekannt. Bis jetzt: Denn im letzten Herbst ist bei Hanser die wunderschön illustrierte Neuübersetzung der Just So Stories erschienen. Ursprünglich als Gutenachtgeschichten für seine Kinder gedacht, findet sich darin eine Fülle von aberwitzigen Einfällen und fantastischen Erklärungen, wieso die Welt so ist, wie sie ist, und warum die Tiere darin genau so aussehen, wie sie nun mal aussehen. Warum hat das Kamel also beispielsweise einen Höcker? Weil es für alles zu faul war und jede Frage mit »Rutsch mir doch den Buckel runter!« beantwortete. Und weshalb haben Elefanten einen Rüssel? Weil einst ein kleiner Elefant ein wenig zu neugierig war und in letzter Sekunde aus dem Maul eines Krokodils gerettet werden musste – an seiner Nase, die seither lang geblieben ist. Der Schweizer Zeichnerin Kathrin Schärer, die bereits mit einigen Bilderbüchern für Furore gesorgt hatte, ist es gelungen, Kiplings Poesie und seinen Witz in warmherzigen und treffenden Bildern zum Ausdruck zu bringen.
stern k Doris Widmer

daniel kehlmann: du hättest gehen sollen
Rowohlt, 96 Seiten, € [D] 15,– | € [A] 15,50

Ein Ehepaar mit Kleinkind mietet ein abgelegenes Ferienhaus in den Alpen. Der Mann hofft, endlich vorwärtszukommen mit dem Drehbuch für die Fortsetzung eines erfolgreichen Films, der Produzent setzt ihn unter Druck. Wir lesen, was er in sein Notizbuch schreibt, wobei er immer wieder abschweift und Beobachtungen und Gedanken notiert. Merkwürdigkeiten und leichte Verschiebungen der Wirklichkeit lassen den Protagonisten an seiner Wahrnehmung zweifeln. Denn das Unheimliche im freudschen Sinn schleicht sich allmählich ein, und man fragt sich ob der Mann verrückt wird oder ob es in diesem Haus spukt. Die unheimlichen Ereignisse und die Irritationen steigern sich, zu einer dunklen Angst und reißen ihn in einen Strudel aus Panik und Ohnmacht. In diesem schmalen Buch zeigt Daniel Kehlmann sein ganzes Können. Sprachlich brillant schreibt er eine abgründige und meisterhaft komponierte Schauergeschichte. Gänsehaut garantiert!
stern k Laurin Jäggi

jonas lüscher: kraft
C. H. Beck, 237 Seiten, € [D] 19,95 | € [A] 20,60

Richard Kraft, der Protagonist in Jonas Lüschers zweitem Roman, will sich befreien. Der Tübinger Rhetorikprofessor nimmt an einem Wettbewerb an der Stanford Universität teil, um sich mit dem Preisgeld aus seiner zweiten unglücklichen Ehe freikaufen zu können. Die Preisfrage »Warum alles, was ist, gut ist und wir es trotzdem verbessern können« entspringt der Geisteshaltung eines Silicon-Valley-Unternehmers, der sowohl den Preis stiftet als auch entscheidet, wer ihn gewinnt. Während Kraft versucht, seine Antwort auf die Frage vorzubereiten, schweift er ab und beginnt stattdessen sein Leben zu hinterfragen. So erfahren wir, wie seine politische und intellektuelle Einstellung zustande kam und wie seine Beziehungen scheiterten. Den Optimismus der digitalen Fortschrittsgläubigen kann er nicht teilen und sieht sich in seinen Überzeugungen überholt. Die Fassade seines neoliberalen Lebensentwurfes beginnt zu bröckeln. Dieser Roman ist klug, witzig, satirisch und hochaktuell.
stern k Laurin Jäggi

sara pennypacker: mein freund pax
Aus dem Amerikanischen von Birgit Kollmann Fischer/Sauerländer, 304 Seiten, € [D] 16,99 | € [A] 17,50 (ab 10 Jahren)

Peter und Pax verbindet vieles. Der sensible Bub hat ebenso wie der junge Fuchs seine Mutter früh verloren. Peter fand Pax als schutzlosen Welpen und hat ihn vor dem Tod gerettet, seither sind die beiden unzertrennlich. Die Geschichte beginnt damit, wie Peter, von seinem Vater überlistet, seinen zahmen Fuchs in der Wildnis aussetzen muss und zum Großvater gebracht wird. Grund dafür ist der Krieg, der bedrohlich jeden Tag näher kommt. Peter hält den Schmerz der Trennung nicht aus und macht sich furchtlos auf die Suche nach Pax. Dabei überwindet er nicht nur Hunderte von Kilometern, sondern auch viele weitere Hindernisse. Inzwischen lernt Pax, zu seiner wahren Natur zu finden. Er, der nie gelernt hat zu jagen und die Sprache seiner Spezies nur schlecht versteht, muss sich genauso vielen Herausforderungen stellen. Wird sich sein größter Wunsch, Peter wiederzusehen, erfüllen? Erzählt wird die Geschichte abwechselnd aus der Sicht der beiden. So erfährt man viel über das Verhalten der Füchse, welches gar nicht so anders ist als jenes der Menschen. Eine wunderbare und packende Parabel über Nächstenliebe und Vertrauen in ungewissen Zeiten. Poetisch illustriert von Jon Klassen.
stern k Denise Zumbrunnen

simone meier: fleisch
Kein & Aber, 254 Seiten, € [D] 22,– | € [A] 22,60

Simone Meier, in der Schweiz eine bekannte Kolumnistin, hat ihren zweiten Roman vorgelegt. Im Zentrum von Fleisch stehen Anna und Max, beide Mitte vierzig, kennen sich seit der Schulzeit, sind aber erst viel später aus reiner Bequemlichkeit ein Paar geworden. Anna ist eine zynische Kulturbeamtin aus Zürich, Max ist ein gelangweilter Lehrer und lebt in einer nahen Kleinstadt. Beide hadern nicht nur mit ihrer Beziehung, sondern vor allem mit dem Älterwerden, den Veränderungen des eigenen Körpers und der Lust auf Essen und auf frisches Fleisch. Sie betrauern die verlorengegangenen Illusionen ihrer Jugend, beenden ihre Nicht-Beziehung und suchen das Glück in Affären und Träumereien mit jüngeren Liebhaberinnen. Die Autorin beschreibt die kalte, spiegelglatte Oberfläche unserer Gesellschaft mit messerscharfen Beobachtungen und frivolen Formulierungen. Fleisch ist eine satirische Liebesgeschichte, voller schräger Fantasien und abgründiger Charaktere. Trotz aller Schnoddrigkeit gelingt es Simone Meier, eine liebevolle Sympathie zu ihren Figuren entstehen zu lassen. Ein freches und provokatives Stück Literatur, auch für Vegetarier genießbar.
stern k Denise Zumbrunnen

heinrich steinfest: das leben und sterben der flugzeuge
Piper, 608 Seiten, € [D] 25,– | € [A] 25,70

Es ist doch erstaunlich, wie schnell man sich daran gewöhnt: Es gibt nicht nur die eine, unsere Welt, sondern gleich zwei davon. Hier sind wir die, die wir schon immer zu sein glaubten, drüben hingegen, tja, dort ist es etwas komplizierter: Vielleicht unterscheidet sich unser anderes Ich nur durch eine Kleinigkeit wie etwa andere Schuhe, vielleicht sind wir aber auch ein Spatz. So wie Kommissar Blind, der jedes Mal, wenn er sich schlafen legt, als Sperling namens Quimp im Pariser Gare Monparnasse erwacht. In der Spatzenwelt liegt einiges im Argen, und Quimp, der junge, etwas vorlaute Jungspatz, wird auf geheime Mission geschickt: Die Sperks, die Kriegerkaste unter den Spatzen, sind bedroht, und Quimp soll sie warnen. Ein wieder aufgerollter Kriminalfall, mit dem Kommissar Blind in der Menschenwelt betraut wird, hat mehr damit zu tun, als dieser je gedacht hätte. Immer wieder hüpft der Leser spatzengleich von einer Welt in die andere und wird Zeuge von abenteuerlichen Verfolgungsjagden und sonderbaren Zufällen. Aber wie gesagt, sobald wir uns daran gewöhnt haben, dass nichts so ist, wie es auf den ersten Blick scheint, werden wir mit unnachahmlichem Lesevergnügen belohnt.
stern k Doris Widmer

olga grjasnowa: gott ist nicht schüchtern
Aufbau, 309 Seiten, € [D] 22,– | € [A] 22,70

In ihrem neuen Roman konfrontiert uns Olga Grjasnowa mit einer Welt, die uns fremd und fern von unserem westlichen Alltag erscheint, mit deren Geschichten und Menschen wir uns aber viel mehr identifizieren können als vielleicht erwartet. Gott ist nicht schüchtern erzählt die Geschichte von Hammoudi, einem jungen Arzt, und Amal, einer privilegierten Schauspielerin aus Syrien. Beide glauben an die syrische Revolution und kämpfen jeweils auf ihre Art gegen das Regime, müssen schlussendlich aber ihr altes Leben hinter sich lassen und fliehen. Plötzlich gehören sie nicht mehr der syrischen Mittelschicht an, sondern einer neuen Bevölkerungsgruppe, den Flüchtlingen. Olga Grjasnowa bringt uns die Schicksale vieler junger Menschen auf schmerzhafte Weise näher – näher, als einem vielleicht lieb sein mag. Der Roman rüttelt auf und bewegt, man hofft, bangt und trauert mit den Protagonisten. Ein wichtiges Buch, weil es sich sehr spannend und leicht verständlich liest und so Verständnis und Offenheit schafft für Menschen aus fremden Kulturen.
stern k Debora Stoffel

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Lesen, einfach lesen!

christoph hein: trutz
Roman Suhrkamp, 477 Seiten, € [D] 25,– | € [A] 25,70

»Früher Morgen war’s, als sie dich holten. / Die Kinder weinten vor Schreck. / Ich folgte Dir wie einem Toten. / Die Kerze zerfloss im Eck ...« anna achmatowa

Im Prolog dieses Romans, in dem der Erzähler berichtet, wie er durch Zufall jenen Maykel Trutz traf, dessen Lebensbericht diesen Roman hat entstehen lassen, lesen wir folgenden Satz: »Ein gutes Gedächtnis war in der Geschichte der Menschheit stets eine tödliche Gefahr. Das Vergessen wird belohnt, nicht das Gedächtnis.« Das Zeitalter der Extreme nannte Eric Hobsbawm das 20. Jahrhundert, in dem mitten in Europa das NSund das Sowjet-Regime vierzehn Millionen Menschen ermordeten. Eine schier unerträgliche Zahl. Empathie entsteht nicht für Zahlen, Empathie entsteht für Menschen, für nacherzählte, ganz individuelle Biografien, an denen beispielhaft das Ineinander und Verzahnen von Geschichte und Einzelschicksal begreifbar, nachvollziehbar, ein wenig nacherlebbar und im besten Fall auch verstehbar wird. In diesem Sinne ist Christoph Hein ein grandioser Jahrhundertroman gelungen, der all das schafft, was Geschichtsbüchern oft nicht gelingt. Erzählt wird die Geschichte zweier Familien: einer deutschen, beginnend in der NS-Zeit der frühen 30er Jahre in Berlin und später im sowjetischen Exil, und einer russischen im Moskau der 30er und in der Verbannung. Maykel Trutz’ Vater, Rainer Trutz, ist Journalist und Autor in Berlin, schreibt zwei schmale Romane und gerät damit prompt auf die Schwarzen Listen der Nazis. Nur knapp entgehen er und seine Frau der Verhaftung. Mit Hilfe einer russischen Freundin gelingt die Flucht ins sowjetische Exil. Dort kommt Maykel 1934 in Moskau zur Welt. Die Eltern arbeiten schwer – mit den Händen. Man arrangiert sich. Sie lernen einen Professor von der Lomonossow Universität und dessen Familie kennen. Prof. Gejm ist Sprachwissenschaftler mit Schwerpunkt Gedächtnisforschung. Er hat einen kleinen Sohn, Rem, der Maykels bester Freund wird. Sie spielen zusammen und werden dabei von Gejm liebevoll und nachhaltig gefördert: Gejm trainiert ihr Erinnerungsvermögen, was für beide lebenswegbildend wird. Am Ende der 30er Jahre geraten alle in den »Reißwolf « des Stalin’schen Säuberungs- und Umsiedlungswahns. Sie werden deportiert, kommen um, bis auf die Kinder. Maykel wird nach dem Krieg nach Deutschland, in die sowjetische Zone, die DDR, ausgewiesen. Er studiert, will Historiker werden, gibt diesen Wunsch auf, wird Archivar, ein lebendiges Gedächtnis. Auch hier herrscht wieder Staatswillkür, auch hier gerät er politisch unter Verdacht. Jahrzehnte später sehen Maykel und Rem sich wieder ... Christoph Hein ist mit diesem Buch ein großartiger Roman und eine Geschichtsstunde par excellence gelungen. In sachlich-nüchternem Ton erzählt, entwickelt dieser Text eine ungeheure dramatische Wucht und Spannung und lehrt uns, nichts zu verschweigen, nichts zu vergessen, Archive anzulegen und dafür zu arbeiten, dass sie zugänglich sind.
stern kSilke Grundmann

alexander goldstein: denk an famagusta
Aus dem Russischen von Sabine Kühn Matthes & Seitz, 535 Seiten, € [D] 30,– | € [A] 30,90

»Ich bin absolut kein Historiker, vielleicht bringe ich etwas durcheinander, in meinem löchrigen Kopf geht alles drunter und drüber, löffeln Sie den Brei der Chronologie doch selber aus.« Sollte man sich als Leser diesem erklärtermaßen unzuverlässigen Erzähler für mehr als 500 Seiten anvertrauen? Man sollte es unbedingt, vorausgesetzt man verabschiedet sich konsequent von bisherigen Lesegewohnheiten und Erwartungshaltungen. Es gibt keine nacherzählbare Handlung in dieser Wunderkammer eines Romans; Zeitebenen und Orte wechseln und verschränken sich ständig, Goldsteins melodisch mäandernde Sätze durchmessen mühelos auf wenigen Seiten ganze Jahrhunderte. Die Stelle des Helden nimmt eine Stadt ein: Baku, aserbaidschanische Erdölmetropole am Kaspischen Meer, Schnittstelle zwischen Orient und Okzident, zwischen Tradition und Moderne. Im bunten Völkergemisch dieser Stadt lässt Goldstein ein raffiniertes Geflecht aus Erinnerungen, Alltagsszenen und erotischen Eskapaden erstehen, kaleidoskopartig, rhapsodisch, detailreich und voll des grimmigsten Humors. Der Untergang der »Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken« wird von deren Rand her beobachtet, aber noch dieser Abgesang ist voller liebevoller Schilderungen des Alltagslebens. »Ich, der den Osten hasste, lebte mein Leben lang im Osten.« Alexander Goldstein, 1957 in Tallinn geboren, emigrierte 1990, wie viele Juden, aus dem zerfallenden Sowjetimperium nach Israel, wo er 2004 starb. »Alles mitbringen, nichts vergessen« – aus dieser simplen Poetologie formte er diesen ausufernden, überbordenden, faszinierenden Erzählstrom, der seinesgleichen nicht hat.
stern k Gerhard Wilhelm

boris sawinkow: das schwarze pferd
Aus dem Russischen von Alexander Nitzberg Kiepenheuer und Witsch, 270 Seiten, € [D] 23,– | € [A] 23,70

Boris Sawinkow war Anarchist, Terrorist, genialer Planer von Attentaten; er gehörte zu den russischen Sozialrevolutionären und war Schriftsteller. Seinen ersten Roman Das fahle Pferd (dt. 2015 bei Galiani) schrieb er 1907/08 im Exil in Paris, wohin ihm nach einem misslungenen Attentat und Inhaftierung in der Festung Sewastopol zu fliehen gelungen war. Wichtigste Figur und Erzähler im Roman ist Georg. Er bekennt sich zu Revolution und Terror: Getötet werden muss nicht für persönliche Ziele, sondern weil man für ein neues Russland töten muss. Das vierte apokalyptische fahle Pferd mit seinem Reiter steht in der Offenbarung des Johannes für den Tod – möglicherweise ist Georg dieser Reiter. Auch im 16 Jahre später geschriebenen Roman Das schwarze Pferd ist Georg Hauptperson und Erzähler. Der Titel bezieht sich auf das dritte apokalyptische Pferd, der Roman beginnt im Jahr 1917. Georg ist zunächst Oberst in der Weißen Armee, dann kämpft er für die grünen Bauernsoldaten, dann als Großstadtrevolutionär in Moskau, immer gegen die Bolschewisten und ihren Herrschaftsanspruch und immer desillusionierter. In Tagesberichten und Reflexionen schreibt er vom Verhängnis eines Bürgerkriegs, in dem alle für Russland kämpfen und alle für Russland sterben. Was mit Terror im Fahlen Pferd begann, wird für Georg zur Frage nach der Wahrheit: Wer hat recht? Warum töten wir, und wird unsere Schuld durch den eigenen Tod aufgehoben? Sawinkow erzählt hoch konzentriert, kühl und ruhig, immer wieder in einem eindringlichen Sprachrhythmus, der an biblische Weissagungen erinnert. Am Ende verlässt Georg Moskau. Noch einmal zitiert er aus der Offenbarung: »Und ich sah, und siehe, ein schwarzes Pferd. Und der daraufsaß, hatte eine Waage in seiner Hand.« Bei Sawinkow erscheinen die Pferde in umgekehrter Reihenfolge, zuerst das vierte – der Tod – und dann das dritte – Krankheit und Not. Ein Bild der Hoffnung? Das schwarze Pferd, entstanden aus Sawinkows eigenem Erleben, ist kein autobiografischer Roman, es ist wie Bulgakows Weiße Garde und Babels Reiterarmee eine eindrucksvolle, poetische Erzählung der russischen Revolutionszeit.
stern k Renate Georgi

jutta voigt: stierblutjahre | die boheme des ostens
Aufbau Verlag, 272 Seiten, € [D] 19,95 | € [A] 20,60

»Es war einmal ein Land […], in dem Filme, Opern und Tänze verboten wurden, weil sie ein paar alten Männern nicht gefielen. Ein Land, aus dem man nicht rauskonnte. Können Sie sich vorstellen, dass es in diesem Land ein Leben gab, das leicht war und bunt, verzweifelt und verspielt zugleich – das Leben der Boheme?« Ja, das gab es tatsächlich in der DDR, eine lebendige Alternativszene. Die graue Düsternis notdürftig beleuchteter Straßen in heruntergekommenen Stadtquartieren und verfallende Gutshäuser in ländlichen Regionen boten Schutzräume für ein alternatives, selbstbestimmtes Leben und Schaffen in allen Sparten der Künste. Überlebenswichtig war ein Dauerarbeitsverhältnis, sei es als Friedhofsgärtner oder als Toilettenaufsicht, oder die Erlaubnis des Finanzamtes, freiberuflich tätig zu sein. Andernfalls drohte die Staatsmacht mit dem Strafrecht: »Asoziale Lebensweise« wurde mit Knast zur »Arbeitserziehung« bedacht, Minderjährige in den berüchtigten Jugendwerkhöfen drangsaliert. Die Autorin Jutta Voigt, Ostberlinerin Jahrgang 1941, war seit ihrer Studentenzeit und später als Journalistin mittendrin dabei, beobachtete die Etablierten und die Westbesucher im Künstlerclub Die Möwe, die hoffnungsvollen Jungtalente und die Möchtegern-Künstler, die Abgestürzten und die einfallsreichen Kreativen, die der repressiven Staatsmacht so manches Schnippchen schlugen. Gefeiert wurde oft und ausgelassen, der ungarische Rotwein »Stierblut«, das Kultgetränk der Alternativen, floss reichlich. »Was verboten ist, das macht uns gerade scharf.« Dieses Biermann-Wort erklärt vielleicht, warum gerade im Gouvernanten-Staat DDR subversives Leben gedeihen musste. Jutta Voigt bietet – brillant und unterhaltsam geschrieben – Einblicke in ein eher verborgenes Segment der DDR-Wirklichkeit.
stern k Jürgen Schleicher

peter watson: das zeitalter des nichts
Aus dem Englischen von Amélie Brandeis C. Bertelsmann, 768 Seiten, € [D] 29,99 | € [A] 30,90

Als Nietzsche Gott für tot erklärt hatte, wurde das Ende einer Entwicklung markiert, in deren Zentrum die Frage nach Gott, dem Göttlichen, nach dem Transzendenten stand. Nach diesem umstürzenden Diktum kam es in der abendländischen Geisteswelt und Gesellschaftsentwicklung zu rasanten Veränderungen und Experimenten, die bis heute anhalten. Die Frage nach dem Sinn des Lebens musste neu gestellt werden. Das gemeinsame Fundament aus Heilsgewissheiten, Wertestabilität und Hoffnung auf ultimative Gnade war plötzlich weggebrochen. Wie die Geisteswelt, also Philosophen, Wirtschaftsethiker, Psychologen, Moralisten, Schriftsteller und bildende Künstler, mit diesem Paradigmenwechsel umgingen und wodurch er verursacht wurde, das ist der Gegenstand dieses hervorragenden, auch hervorragend lesbaren Buches von Peter Watson. Es sei das Zeitalter des Nichts angebrochen, schreibt er, obschon er es auch hätte das Zeitalter von Allem nennen können, denn alles geriet in Bewegung, alles war möglich. Alles das, was man vordem gewohnt war Gott oder dem Göttlichen zuzuschreiben, musste jetzt woanders gesucht werden bzw. von woandersher kommen. Atheistische Ersatzreligionen wie Nationalismus, Faschismus und Kommunismus beanspruchten den vakant gewordenen Thron. Die verschiedenen Gesellschaftsutopien und -systeme gaben nicht mehr genug Antwort auf die fundamentalen Fragen des Daseins. Diese wenigen Andeutungen sind nur ein schwaches Abbild von der Menge des Materials, das Peter Watson dem Leser vorlegt. Es ist nicht neu, zu sagen, dass man die Gegenwart nur verstehen kann, wenn man von der Vergangenheit weiß. Das vorliegende Buch belegt beeindruckend die Richtigkeit dieses Satzes.
stern k Klaus Palme

heinz schilling: 1517 | weltgeschichte eines jahres
C. H. Beck, 364 Seiten, € [D] 24,95 | € [A] 25,70

Das Buch des renommierten Historikers Heinz Schilling 1517. Weltgeschichte eines Jahres ist eine hervorragende Ergänzung zu seiner biografischen Luther-Lektüre. Beide Bücher lesen sich wunderbar flüssig und packend, ohne das notwendige Fundament wissenschaftlicher Sorgfalt im Umgang mit historischen Fakten und die Vielschichtigkeit und Tiefe der Darstellung zu vernachlässigen. Heinz Schilling schildert fundiert die wesentlichen ideen-, sozial- und wirtschaftsgeschichtlichen Ereignisse, bezieht zentrale Schauplätze von Amerika über Europa bis China ein und entwirft eindrückliche Porträts wichtiger Protagonisten dieser Zeit. So entsteht das dichte Bild einer sich dramatisch neu konstituierenden Welt. Diese Welt ist noch »keine globalisierte«, doch über neu entstehende Verkehrswege verwoben – ein unsicherer und aufregender, geografisch und ideell völlig neuer Kosmos. Vor diesem Hintergrund erschüttert Luthers Wittenberger Thesenpublikation im Jahr 1517 die theologischen Gültigkeiten seiner Zeit und setzt jenen Jahrhunderte dauernden Prozess der Säkularisierung und historisch-kritischer Schriftauslegung in Gang, der bis heute wirkt. Bereichernde, spannende und großartige Lektüre!
stern k Malcah Castillo

Buchhandlung zum Wetzstein

didier eribon: rückkehr nach reims
Aus dem Französischen von Tobias Haberkorn Suhrkamp Verlag, 240 Seiten, € [D] 18,– | € [A] 18,50

Didier Eribons Buch Rückkehr nach Reims ist ein biografisch- philosophischer Essay mit der Intention, durch das individuelle biografische Erinnern das kollektive Gedächtnis und das Gemachte unserer Gesellschaft freizulegen. Eribon beschreibt seine Herkunft, sein Aufwachsen im Arbeitermilieu von Reims, das Erkennen seiner Homosexualität und die damit verbundenen Heimlichkeiten. Er schildert das Verlassen seines von der Gesellschaft vorgeschriebenen Weges, die »Übersiedlung« in das Milieu des kulturellen Kapitals, die damit erfahrene Scham und die Verletzungen in der Gymnasialzeit und während des Studiums. Eribon wollte und musste sich vollständig umerziehen, um der zu werden, der er heute ist: »Dinge, die für andere selbstverständlich waren, musste ich mir im Kontakt mit einem bestimmten Umgang mit Sprache, Zeit und auch mit anderen Menschen Tag für Tag, Monat für Monat erarbeiten. All das veränderte meine gesamte Persönlichkeit und meinen Habitus von Grund auf, und ich entfernte mich immer weiter von jenem familiären Milieu. « Neben all diesem ist vor allem auch seine, von der eigenen Familie ausgehende Analyse des Aufkommens der neuen Rechten klug und scharfsinnig zugleich. So fragt Eribon nach den möglichen Gründen für das Überlaufen linker Wählergruppen zum Front National und liefert viele überzeugende Argumente. Über seine Mutter schreibt er: »Sie gehörte von jeher einer sozialen Gruppe an, die permanent mit ihrer eigenen Unterlegenheit konfrontiert war. Vielleicht erfuhr sie in der Abwertung der anderen eine Aufwertung ihres Selbstbildes, vielleicht sah sie darin einen Weg, die eigene Existenz zu verteidigen.« Eribons Rückkehr ist eine ausgesprochen gut geschriebene, vielgestaltige, sozialanalytische Einladung, das Verborgene und Unübersichtliche, die »feinen Unterschiede « in unserer westlichen Gesellschaft ans Licht zu holen und sorgfältig wahrzunehmen.  stern k

marcel proust: briefe: 1879–1922 (2 bde.)
Herausgegeben von Jürgen Ritte. Aus dem Französischen von Jürgen Ritte, Achim Russer und Bernd Schwibs Suhrkamp Verlag, 1479 Seiten, € [D] 78,– | € [A] 80,20

In Briefen zu lesen, deren Adressat man nicht ist, ist so eine Sache. Es ist erst recht so eine Sache, wenn der Verfasser der Briefe ein äußerst gespaltenes, ambivalentes Verhältnis zu seinen Briefen hat. Proust hat immer die strikte Trennung von Mensch und Werk vertreten. Er hatte Furcht vor Indiskretion und große Bedenken, dass seine Korrespondenzen den eigentlichen und wertvollen Teil seines Werkes, die Romane, überdecken könnten. Als gesichert kann gelten, dass Proust seine Briefe nicht im Hinblick auf die Nachwelt geschrieben hat. Doch waren sie sein lebensnotwendiger Kontakt zur Außenwelt, bedingt durch die immer länger werdenden Phasen der Bettlägerigkeit. Humorvoll, mit spitzer Feder und – politisch: Prousts Briefe zeugen von Mut und Unabhängigkeit. Er war einer der ersten Unterzeichner der Petition für Dreyfus und schrieb bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges sehr dezidiert gegen übertriebenen Patriotismus und Chauvinismus an. Auch verwahrte er sich vehement gegen ungerechte, unsachgemäße Urteile und Diskriminierungen Andersdenkender. Prousts Briefe sind Gesellschafts-, Literatur- und eine recht verlässliche Editionsgeschichte der Recherche, die nachzuvollziehen ohne sie nicht möglich gewesen wäre. Das alte Europa in einer grandiosen Beschreibung: Das ist es, was die beiden Bände, schön gestaltet und sorgfältig ediert, auszeichnet. Am 18. Mai 1917 wurde im Théâtre du Châtelet das Ballett Parade uraufgeführt. Bühnenbild und Kostüme waren von Picasso, das Libretto von Jean Cocteau, die Musik von Erik Satie. Proust schreibt an Cocteau: »Danke, lieber Jean, dass Sie mir dabei geholfen haben, im Châtelet ›Das einzige labende Brot, / das uns bei Tisch nicht bot / die Welt, der wir uns ergeben‹ zu holen. Wie schön Picasso ist. Herzliche Grüße – Marcel.« stern k

robert musil: der mann ohne eigenschaften
Erstes und Zweites Buch in drei Bänden Herausgegeben von Walter Fanta Jung und Jung Verlag, 560, 576 und 648 Seiten, Bd. 1 und 2 je € [D, A] 35,– | Bd. 3 € [D, A] 37,–

Europa 1913, wie im Schlaf. »Ein großes Ereignis ist im Entstehen«, und keiner merkt es. Der Rechenschieber, das »Prinzip des zureichenden Grundes«, wird zur allgemeinen Bemessungsgrundlage des Denkens. Und wenn »jemand kommt mit großen Behauptungen oder großen Gefühlen, so sagt man: Bitte einen Augenblick, wir wollen vorerst die Fehlergrenzen und den wahrscheinlichsten Wert von alledem berechnen!« In ebendiese Welt stellt Robert Musil Ulrich, den Protagonisten seines epochalen Romans Der Mann ohne Eigenschaften. Ulrich nimmt sich, nach »drei Versuchen, ein bedeutender Mann zu werden«, »ein Jahr Urlaub von seinem Leben, um eine angemessene Anwendung seiner Fähigkeiten zu suchen«. Er wird hineingezogen in die »Parallelaktion« der beiden anstehenden Thronjubiläen, der Fall des Prostituiertenmörders Moosbrugger fordert seine ganze Aufmerksamkeit, mit Agathe, seiner vergessenen Schwester, erprobt er den »anderen Zustand«, amouröse Frauengestalten wechseln sich ab. Immer mehr gelangt Ulrich zu der Ansicht, dass alles im Leben »ebensogut anders sein könnte«, als es ist, und der Welt des Rechenschiebers eine Welt des Gefühls, des Möglichkeitssinns und das »Prinzip des unzureichenden Grundes« entgegengehalten werden muss, denn: Wahrheit gibt es nur im Plural. Der Roman erscheint im Jung und Jung Verlag im Zusammenhang mit der bis 2022 entstehenden Robert- Musil-Gesamtausgabe. Mit dieser geplanten Edition kombiniert der Verlag Digitales und Gedrucktes: Musils literarisches, publizistisches und essayistisches Schaffen und seine Korrespondenz auf wissenschaftlicher Grundlage, lesefreundlich und so nah an den Originalen wie nie. Ergänzt werden diese durch eine digitale und kostenfrei zugängliche Kommentierung, eine Austauschplattform und die Faksimilierung der schriftlichen Entstehungsprozesse. Hier ist zweifelsohne ein großes editorisches »Ereignis im Entstehen«. stern k

raoul schrott: erste erde epos
Hanser Verlag, 848 Seiten, € [D] 68,– | € [A] 70,–
peter rühmkorf sämtliche gedichte 1956–2008
sämtliche gedichte 1956–2008 Mit einer Auswahl der Gedichte von 1947–1955. Herausgegeben von Bernd Rauschenbach Rowohlt Verlag, 624 Seiten, € [D] 39,95 | € [A] 41,10
Ein im weitesten Sinn des Wortes großes und gewichtiges Buch hat Raoul Schrott mit Erste Erde. Epos verfasst. Der Reisende, Forschende und Dichter Schrott hat nach sieben Jahren intensiver Arbeit im vergangenen Herbst sein Werk über das Erfassen, über den Versuch des Begreifens und über das Erschreiben der Welt und der Menschen vorgelegt. Ein Buch über den Versuch einer Verbindung zwischen dem »dichten Denken der Wissenschaften und dem dichterischen Denken«. In acht Bücher unterteilt, wird das Entstehen des Universums, der Erde, des Lebens in seinen unterschiedlichen Formen und das Entstehen des Menschen zu einem einzigen großen Gesang. Der Autor ergänzt das Epos um einen naturwissenschaftlichen Anhang, ebenfalls in acht Büchern. Dieses große Werk ist Poesie, die die Welt enthält. Und ebenso enthält es die Leidenschaft eines charismatischen Schriftstellers für seinen Beruf, für die Dichtung und für die Wissenschaften. So ganz im Olymp der deutschen Lyrik scheint der 2008 verstorbene Peter Rühmkorf nie angekommen zu sein. Wer er wirklich war, »ist gar noch nicht entdeckt ...« Der große Artist der deutschen Sprache, Tänzer auf dem »Hochseil«, der Jongleur des hohen Tons des Volksliedes, war sich gewiss: »In meinen Kopf passen viele Widersprüche «; und auch: »Rede ich Blödsinn oder dichte ich schon, / oder lieg ich, unhaltbar, dazwischen?« Im Rowohlt-Verlag sind jetzt seine Sämtlichen Gedichte erschienen. Und das ist gut und wichtig. »Wünsch mir im Himmel einen Platz / (auch wenn die Balken brächen) / bei Bellman, Benn und Ringelnatz/ und wünschte, daß sie einen Satz / in einem Atem sprächen: / nimm Platz!« Da sitzt er nun, hoffentlich, und hoffentlich gut. stern k

herman melville: moby-dick oder: der wal
Aus dem Englischen von Friedhelm Rathjen, Mit einem Essay von D. H. Lawrence. Jung und Jung Verlag, 976 Seiten, € [D] 45,– | € [A] 45,–
henry david thoreau: ktaadn
Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Alexander Pechmann. Mit einem Essay von Ralph Waldo Emerson. Jung und Jung Verlag, 160 Seiten, € [D] 20,– | € [A] 20,–
Herman Melvilles Moby-Dick, das großartige Werk über den Wahn, die Natur beherrschen zu wollen, hat von seinem Erscheinen an, 1851, die Leser verstört. Ein monströser Abenteuerroman, archaisch, packend, wild. Handlung und Sprache treffen sich. Nie zuvor wurde derart vielschichtig und in solch exzessiver Rhetorik erzählt. 1991 war zum hundertsten Todestag von Melville eine neue Übertragung von Friedhelm Rathjen und Matthias Jendis im Hanser Verlag geplant. Doch die Zusammenarbeit der beiden Übersetzer ging in die Brüche. Rathjens Arbeit gefiel dem Verlag nicht. Man entschied sich für die leichter lesbare Fassung von Jendis und publizierte diese 2001. Im Jahr 2004 erschien als schön gestaltetes Buch bei Zweitausendeins Rathjens inzwischen fertiggestellte Übertragung, die heute nicht mehr lieferbar ist. Der Verlag Jung und Jung verlegte im Herbst 2016 erneut Moby-Dick in Rathjens noch einmal durchgesehener und an manchen Stellen überarbeiteter Fassung, die den Brüchen, dem sprachlich Außergewöhnlichen des Originals sehr nahe kommt. Henry David Thoreau war Zeitgenosse von Melville. Der »Gesellschaftsrebell« Thoreau, bemerkenswerter und zwiespältiger Autor und Philosoph, stellte stets die persönliche Freiheit über die soziale Verantwortung. Davon zeugen u. a. Bücher wie Walden, Lob der Wildnis und Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat. Ebenfalls im Verlag Jung und Jung ist in diesem Frühjahr sein ursprünglich als Vortrag verfasster Text (1848) Ktaadn erschienen, ein schmaler Band über die Besteigung des höchsten Berges in Maine. Wie bei Melville in Moby-Dick mischen sich in den Schriften von Thoreau, dem großen Sprachstilisten, philosophische Fragen mit beeindruckenden Schilderungen der Natur. stern k

kunstsalon cassirer: die ausstellungen 1910 –1912 / 1912–1914 (2 Bde.)
VERHEISSUNG UND ERFÜLLUNG ZUGLEICH / EINE NEUE KLASSIK
EINE NEUE KLASSIK Herausgegeben von Bernhard Echte und Walter Feilchenfeldt NIMBUS Verlag, 1440 Seiten, € [D] 136,– | € [A] 139,90

Berlin. 1910 bis 1914. Es war eine äußerst glanzvolle Zeit der Stadt und der Kunst, wenn nicht die glanzvollste überhaupt. Bernhard Echte und Walter Feilchenfeldt haben den dritten Doppelband über die Ausstellungen des legendären Kunstsalons Cassirer in jener Zeit vorgelegt. Schon damals war der Kunstmarkt hart umkämpft. Querelen, Streit und letztendlich Spaltung der Berliner Secession unter Cassirers Präsidentschaft 1913 geben davon beredtes Zeugnis. Cassirer war ob seiner Macht und seines Einflusses gleichermaßen anerkannt wie gefürchtet. Mehr als zehn Jahre hatte er erfolgreich gegen konservative und dumme nationale Vorurteile in der Kunst gekämpft, gegen alle Widerstände durchgehalten. Dank seines Stehvermögens hatte sich der Impressionismus in der deutschen Kunstszene fest etabliert, wurde schnell zur neuen Klassik. Wie überhaupt neue Stile sich in einer Schnelligkeit entwickelten, dass Cassirer nahezu überrollt wurde. Doch behielt er klaren Kopf, den Überblick und das Sagen. Seine Ausstellungen waren weiterhin außergewöhnlich, stilbildend, häufig in ihrer Zusammenstellung sensationell. Weil Cassirer wegen seiner führenden Stellung den Markt bestimmte, waren sie immer wieder auch umstritten. Denn Cassirers Entscheidung, einen Künstler in seinen Räumen zu präsentieren, war maßgeblich für dessen Erfolg. Für interessierte Kunstliebhaber sind die insgesamt drei Doppelbände, jeweils im Schuber, ein Muss. Bernhard Echte und Walter Feilchenfeldt haben die beiden Bände in gewohnter Weise akribisch recherchiert, dokumentieren und präsentieren die Ergebnisse ihrer Arbeit sowohl in Wort und Bild beeindruckend fundiert und ausgesprochen ästhetisch. Und immer wieder ist es höchstes Vergnügen, in allen, jetzt sechs, vorliegenden Büchern zu blättern, zu schauen, zu lesen. Eine verlegerische Großtat des NIMBUS Verlages, vor der man sich nur verneigen kann. stern k